Hurra! Schon in vier Jahren Vollbeschäftigung!

Nun wird ja alles gut. Die Presse teilt mit das Kiel Economics für das Jahr 2014 eine Arbeitslosenquote von 4,5 % prognostiziert. Liebe Blogleser Sie haben richtig gehört — 4,5%, das ist realistisch gerechnet fast eine Halbierung des derzeitigen und damit eine Art „Schröder-Wunschtraum“ in der Realität.

Kiel Economics zählt wie Blogleser wissen inzwischen zu dem von Minister Brüderle auserkorenen elitären Clubmitgliedern welche die Frühjahres-/Herbstgutachten für die Bundesregierung erstellen. Man darf also vorsichtig formuliert nichts sonderlich progressives von dort erwarten. Aber ich muss sagen die typischen und abenteuerlichen Begründungen mit welcher dieser Wert von 4,5 % wahr werden soll hat zumindest einen hohen Kreativitätsfaktor und Unterhaltungswert.

Die „Früchte dieser Lohnzurückhaltung werden nun geerntet“. Neben den Reformen habe auch ein durch die Globalisierung bedingter Wettbewerbsdruck die Löhne schrumpfen lassen.

Das Institut erklärt uns das wir weniger verdienen, und weil wir weniger verdienen werden wir mehr verkaufen. Doch an wen? Gemeint ist offenbar der Export. Freuen wir uns also auf die Aussicht selbst weniger kaufen zu können aber dafür mehr verkaufen zu können … und das bei einem schon derzeit im weltweiten Maßstab exorbitanten Exportüberschuss. Konsum ist für uns gestrichen, liebe Leser. Wir können nur mehr produzieren wenn wir mehr an andere verkaufen und damit ist unser Exportüberschuss bekanntlich gottgegeben wie viele Ökonomen meinen.

Weiterhin setzt das Institut natürlich Vorbedingungen. Eine Krise darf es nicht geben. Damit sieht es jedoch etwas schlecht aus wenn man sich die Auswirkungen und Prognosen ansieht wenn alle Sparen. Denn wenn alle – Länder wie Privatleute – sparen und die Wirtschaft dementsprechend weniger absetzt, woher kommt dann die Erholung? Das Problem sieht man auch bei Goldman Sachs wie Blogger Strobl schreibt.

Das IAB setzt bei den Aussagen noch einen drauf:

„Wenn dies nicht gelingt, besteht die Gefahr, dass es langfristig zu einem Fachkräftemangel bei gleichzeitig hoher Unterbeschäftigung Geringqualifizierter kommen könnte“

Da sitzt man nun am Schreibtisch und überlegt sich wie man das, was uns seit Jahren gepredigt wird und mehr oder eher minder Fakt ist wohl kommentieren soll. Wir haben also keinen sog. „Fachkräftemangel“ derzeit und es gab bislang auch noch keine bemerkenswerte Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit bei Geringqualifizierten. Wenn das also erst noch kommt, dann sollten wir alle wirklich Angst haben.

Die einzige vielleicht annähernd reelle Zahl kommt auch vom IAB. 1,8mio weniger Erwerbspersonen soll es bis zum Jahr 2020 geben. Sieht man bei Destatis nach sieht man die Zahl in etwa wenn man die Prognose für 2020 der Personen zwischen 20 und 67 Jahren ansieht welche von 51,5mio auf 49,7mio sinkt. Nur werden diese 1,8mio nicht gleichzeitig der Abbau der gleichen Anzahl von Arbeitssuchenden bedeuten. Denn erstens stehen nicht alle Erwerbspersonen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung und zweitens scheint mir fraglich ob die Aussage der IAB berücksichtigt das ab 2012 schrittweise die Rente ab 67 kommt, sich also die Basis der Erwerbspersonen um zwei Jahrgänge erhöht. Es erscheint mir schwer vorstellbar das in diesem Zeitraum die Erwerbspersonen zweier ganzen Jahrgänge durch die Demographie „aufgeholt“ bzw. kompensiert werden könnte.

Bildung – also das, was die IAB anmahnt – ist natürlich immer gut. Man kann aber noch so viel bilden, man kann aus einem Käfer nun einmal keinen Porsche machen. Und wie ich u.a. in dem zuletzt in (radebrechendend) Englisch verfassten Blogartikel geschrieben hatte ist das mit den Facharbeitermangel so oder so eine konstruierte Geschichte. Man hätte wenn man die Bedingungen dafür schaffen wollte auch für die anderen eine Beschäftigung inkl. auskömmlichen Lohn. Das müssen wir sogar. Ich werde demnächst dazu noch genauer Stellung nehmen. Weil es dafür weiter auszuholen gilt dauert es jedoch noch etwas. Aber bleiben wir bei der Bildung. Ja die ist wichtig. Nur wird gerade dort gekürzt – dazu muss man nicht einmal nur auf Roland Koch sehen. Wir müssen ja sparen.

Fazit: es wird sich aller Voraussicht nach weder bis 2014 noch bis 2020 eine erhebliche Änderung der Lage einstellen wenn sich nicht an anderer Stelle etwas ändert. Aber die von Medien und vor allem der Regierung zitierten Institute kauen gerne die „alles ist schon gut“-Mär wieder und machen daraus noch ein „alles wird gut“ um endlich die sog. „positive Stimmung im Lande“ zu erzeugen. Das sind nur hohle Phrasen um die Untätigkeit der Politik und das versagen der Wirtschafsberater der letzten Jahre zu vertuschen welche personell identisch geblieben sind. Und so gebe ich denn zum Abschluss eines meiner Lieblingszitate zum Besten, von Paul Krugman zum Jahreswechsel:

Then there are the politicians. Even now, it’s hard to get Democrats, President Obama included, to deliver a full-throated critique of the practices that got us into the mess we’re in. And as for the Republicans: now that their policies of tax cuts and deregulation have led us into an economic quagmire, their prescription for recovery is — tax cuts and deregulation.

So let’s bid a not at all fond farewell to the Big Zero — the decade in which we achieved nothing and learned nothing. Will the next decade be better? Stay tuned. Oh, and happy New Year.

Und zum Abschluss noch Historie und Vorausberechnung der ILO:

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