Über Krankenstand, Experten und Qualitätsjournalismus

Mir graust es immer wenn ich solche Artikel lese wie diesen beim SPIEGEL. „Höchster Krankenstand seit fünf Jahren“ wird skandiert – gar 10% Anstieg zum Vorjahr! Die Arbeitsplätze seien in 2010 überraschend sicher, die Konjunktur läuft und die Arbeitnehmer gönnen sich deshalb eine Auszeit, so lassen anonyme Arbeitsmarktexperten sich bei SPON zitieren.

Nun zu den Fakten. Wie das Bundesministerium berichtet gibt es folgendes zu vermelden (PDF; Grafik von mir erstellt):

Nun. Im letzten Quartal wie auch im letzten Halbjahr 2009 war es der höchste Wert seitmehr als 5 Jahren. Jedenfalls seit irgendwann vor 2005 wurde der Wert von 3,56 für ein zweites Halbjahr nicht mehr erreicht. Der Logik der Schreiberlinge zufolge haben sich die Versicherten Ihres Arbeitsplatzes sehr sicher gefühlt. Und in den Jahren davor… also so 2006-2008 (wir erinnern uns, das waren die „Boom-Jahre“ in welchen die Arbeitsmarktreformen erfolgreich gewirkt haben)… hatten die Arbeitnehmer demnach im Verhältnis also richtig weiche Knie wenn es um den Arbeitsplatz gegangen ist und sind lieber zur Arbeit gegangen als Krank zu sein.

Das ist unheimlich, nicht? Seit vielen Jahren sinkt der Krankenstand kontinuierlich. Stattdessen greift Präsentismus um sich. In „Boom-Jahren“ wie nach der HartzIV-Einführung sollen Menschen weniger Angst gehabt haben und sind urplötzlich (so die Suggestion/Behauptung) ab Mitte 2009, mitten in der Krise, so zuversichtlich gestimmt über ihre Arbeitsplatzaussichten das sie sich gerne mal richtig auskurieren. Außerdem sind die Ostdeutschen offenbar kranker als die Westdeutschen…. was nach Spiegel/Experten-Logik nur bedeuten kann das man dort weniger Angst um den Arbeitsplatz haben muss.

Ich wüsste zu gerne was dies für Arbeitsmarktexperten sind welche der Spiegel da offensichtlich ungeprüft und ohne nachzudenken zitiert. Diese scheinen Psychologie studiert zu haben. Ich wüsste gerne wen diese Arbeitnehmer-Psychologen seit Mitte 2009 befragt und eine schwindende Arbeitsplatzangst festgestellt haben wollen. Oder war es eine Umfrage bei den Arbeitslosen (welche im übrigen auch erfasst werden)? Der Artikel und auch die Aussagen sind noch schlechter als der Wikipedia-Artikel dazu. Ob da wohl ein Zusammenhang besteht? Das weiß man nicht.

Was man mit Sicherheit sagen kann ist, das die Aussagen sowohl im allgemeinen als auch im speziellen nicht stimmig sind. Von einer schwindenden Angst um die Arbeitsplätze kann seit einem Jahrzehnt wohl keine Rede sein. Die Abweichungen sind zudem innerhalb einer statistischen Abweichung welche nicht einmal einer Randnotiz wert sein dürfte und die Logik das in den Jahren zwischen 2005 und 2009 die Angst um die Arbeitsplätze höher gewesen sei als heutzutage ist schlicht absurd. Eine Steigerung scheint eine Art kollektiver „uns geht es wohl noch zu gut“-Reflex auszulösen.

Es sei denn Sie liebe Leser belehren mich eines besseren, schauen wohlgemut in die nahe Zukunft und sagen sich ja, jetzt kommt der Boom.

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