Demographieproblem und Sozialversicherung – urban legend, die Politik der kleinen Schritte (Update)

Saubere Bildungsarbeit unserer Politiker und Lobbyisten. Es ist erschreckend wie tief das sog. „Demographieproblem“ in Köpfen junger Menschen verankert ist. Da helfen selbst nackte Zahlen nicht wirklich gegen die Masse. Es haben mehr Personen bereits (auch frechste) „Darstellungsvarianten“ adaptiert als sich je für sachliche Argumentationen und Zahlen interessieren würden. Natürlich auch deshalb weil es in Teilen einen Wunden Punkt trifft – nämlich das abgeben.
Aber meine Blogleser sind ja nicht aus dem Durchschnitt sondern gehören zu den besonderen Menschen welche etwas wissen oder zumindest darüber reden möchten. Also los denn – mit welcher Begründung fahre ich diese Geschütze auf?

Erwerbstätig vs. Erwerbsfähig

Es wird versucht uns damit Angst zu machen das wir überaltern, das gar bald „jedem Arbeitnehmer ein Rentner“ gegenüber steht. In Wahrheit ist es so das schon immer in etwa ein Erwerbstätiger einen nicht Erwerbstätigen finanziert hat. Ich hatte eine entsprechende Grafik der sog. Erwerbstätigenquote bereits in einem der letzten Blogbeiträge eingestellt:

Wie wir sehen können sind es weniger als 50%. Stellt man auf Vollzeitstellen mit 1500 Stunden pro Jahr ab hätten wir derzeit sogar nur etwa 46% bzw. etwa 37mio Arbeitende (nämlich 55,98Mrd Arbeitsstunden 2009 geteilt durch 1500h/Jahr). Gehen wir noch hin und erklären, das es unter der Bedingung einer Vollbeschäftigung etwa 45mio Arbeiter geben könnte, hätten (oder haben) wir derzeit bis zu rd. 8mio Arbeitslose bzw. Personen welche nicht oder unterbeschäftigt sind.

Die Absurdität der Behauptung das wir ein Demographieproblem haben sieht man wenn man sich dies vor Augen hält. Selbst wenn wir im Jahr 2050 8mio Rentner mehr hätten wäre das nichts weiter als ein Tausch eines Arbeitslosen Transfergeldempfängers gegen einen Rentner welcher ebenfalls ein Transfergeldempfänger ist. Es würde sich nichts verändern. Die reine Anzahl der lt. demographischen Gegebenheiten Erwerbsfähigen ist in der Praxis irrelevant. Es spielt alleine eine Rolle wie viele derjenigen welche arbeiten können auch tatsächlich eine (und zwar nicht nur eine 10h-1-Euro-) Arbeitsstellen haben.

Erwerbstätig vs. Beitragszahler

Abgesehen von den tatsächlich erwerbstätigen bzw. den geleisteten Stunden ist noch relevant inwiefern sich die Anzahl der Beitragszahler entwickelt. Was lehrt uns die Bundeszentrale für politische Bildung? :

….Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verringerte sich allein von Mitte 1993 bis Mitte 2005 die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland um rund 2,4 Millionen Personen (minus 8,5 Prozent). ….Insgesamt verlor Deutschland in diesem Zeitraum etwa genauso viele sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze wie in den Jahren 1974 bis 1991 in Westdeutschland geschaffen wurden.

Und das bei gleichzeitigem Anstieg der Gesamtbevölkerung.
Oder um es anders zu sagen: Im Dezember 1992 waren lt. Arbeitsagentur alleine in Westdeutschland 23,4mio Menschen SV-pflichtig beschäftigt. Das waren gerade einmal 4mio weniger als heutzutage inkl. Ostdeutschland und Zuwanderung.

Die Gründe sind vielfältig. Zum einen sind viele eben nicht mehr arbeitend, die Quote der Selbstständigen hat zugenommen (u.a. Ich AGn etc, welchen anscheinend die Altersarmut droht) und andere sind durch die Beitragsbemessungsgrenzen herausgefallen oder üben 400-Euro-Jobs aus. Und von denen welche noch SV-pflichtig beschäftigt sind sind dann noch etliche Unterbeschäftigt, können also nur eher geringe Gelder in die Rentenkasse einzahlen. Von der rückläufigen Entwicklung der Lohnquote muss man dann auch nicht mehr sprechen.

Bevölkerungszahl und Prognose

Wir werden 2040 lt. ungenauer Berechnungen welche noch nie zugetroffen haben so zwischen 74mio und 77mio an Bevölkerung zu vermelden haben. Das wird allgemein als Niedergang des Abendlandes verkauft. Richtig ist, das dies der Bevölkerungszahl entsprechen würde welche zwischen den Jahren 1962 und 1977 in Deutschland vorzufinden war. Und im übrigen war in den 70ern wie in der Tabelle zu sehen ist der Prozentsatz der 20-60-jährigen bei rd. 50%. Wir sind heute bei 55%. Das es uns dabei nicht „supertoll“ geht weil ja dies m.E. der Teil wäre welcher den Rest versorgt liegt ganz offensichtlich an der leicht veränderten Auslastung (Arbeitslosenquote) – und nicht etwa am Alter. Der Unterschied zwischen der gestiegenen Anzahl an Rentnern i.V. zu den damaligen Kindern welche innerfamiliär mit Transfergeld versorgt wurden ist zu vernachlässigen. Und das u.a. deshalb weil die Paarungen 50% zu 20% und 55% zu 26% keine sonderlich drastischen Veränderung offenbaren.

Wir haben also auch in Zukunft kein Demographieproblem. Wir haben schon derzeit Probleme. Und die lauten:

A) Arbeitslosigkeit und

B) Basis der Beitragszahler sowie (in der Folge wie als Ursache)

C) geringe Lohnquote/Umlagevolumen (Nachfragelücke)

Ich hatte als eine mögliche Lösung für diese Problematiken die Lohnsummenausgleichssteuer vorgestellt. Es gibt auch andere Möglichkeiten wenngleich ich meine für elegant und effizient halte. Eine weitergehende Steuerfinanzierung der Rente würde eine Basis darstellen.

Und so bleibt die Frage wer etwas davon hat diese urban legend unter das Volk zu bringen. Ich meine außer der die Umlagesysteme in Deutschland zugunsten einer Privatisierung oder Kapitalbildung abschaffen zu wollen. Da wird wohl auch das Umlagesystem als Sündenbock für das Versagen der Politik bei der Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik herhalten müssen. Wenn keine Arbeit da ist und Löhne sinken, viele zu wenig Geld erhalten um sich über Wasser zu halten ist es bequemer zu erklären die Rente sei nicht sicher weil es zu viele Alte gibt.

Eher gibt es zu viele unfähige Politiker.

Kleiner Nachtrag aus aktuellem Anlass.

Es sind ja nicht nur Politiker und Bürger welche entweder mutwillig so etwas verbreiten oder so etwas einfach so glauben, nein. Und eine Rente ab 67 ist auch noch nicht das Ende der Absurdität, nein. Da wird schon von Seiten der Presse (hier: WAZ-Mediengruppe) mit Bezug auf Dänemark über eine Rente ab 70 gesprochen und kolportiert. Wenig lustig ist dabei die Behauptung das dies auch noch auf „Mathematik“ und nicht etwa auf politischen Überlegungen beruhe. Liebe Presse. Wenn man einen 67jährigen nicht in Rente sondern in HartzIV schickt hat man ein en Ausgabeposten welcher aktuell durchschnittlich 650 Euro p.m. beträgt (berücksichtigt man Aufstocker sind es nur rd. 520 Euro). Eine Rente in exakt dieser Höhe wäre also ein Nullsummenspiel…. es sei denn das die nicht arbeitenden auf Verschleiß fahren müssten, sprich das sie Vermögen erst aufbrauchen oder in die Zwangsverrentung mit Abschlag wg. Unvermittelbarkeit o.ä. müssen. Die WAZ (welche ich hier Beispielhaft nenne) hat sich schon letztens Jahr gegen Vorruhestandsregelungen ausgesprochen. Unsere Arbeitslosenzahlen würden zurückgehen weil immer mehr Arbeit da wäre und immer weniger Arbeitnehmer vorhanden wären schreibt sie. Das ist jedoch nur zum Teil korrekt und noch weniger relevant. Wie das statistische Bundesamt ausweist und ich bereits ausgeführt hatte waren es 1993 gesamtwirtschaftlich 58,21Mrd Arbeitsstunden und anno 2009 55,98Mrd Arbeitsstunden (2007: 57,21Mrd). Ein „mehr“ an Arbeit ist ganz offensichtlich also nicht vorhanden. Bei den Altersgruppen ist ein Vergleich schwieriger da das statistische Bundesamt nicht die relevanten Gruppen anzeigt. Bei den 20-60jährigen ist der Prozentsatz jedenfalls lt. destatis von 58,1% (47,2mio 1993) auf 55,3% (45,1mio 2009) gesunken (1970 waren es im übrigen exakt 50%). Würden also alle mit 20 beginnen zu arbeiten und wir hätten eine Rente mit 60, dann wären jetzt potentiell 2mio Menschen weniger auf Arbeitsplätze aus. Das wäre denn also in der Tat ein weniger an …. ja was eigentlich? Wie ich bereits in obigem Blogeintrag ausgeführt hatte wären es im Idealfall nichts weiter als 2mio weniger Arbeitslose. Ein daraus existierender „Malus“ in Form von höheren Kosten könnte also maximal aus einem Differenzbetrag zwischen Rentenhöhe und den Kosten eines ALG-Beziehers bestehen. Und natürlich besteht ein Unterschied darin das es eine Hin- und Herschieberei zwischen Rentenkasse sowie Bundes- und Kommunenhaushalten (für die Grundsicherung im Alter) ist. Es ist also wohl mehr ein Aufkommensproblem – wer zahlt – als ein Demographisches. Im Gegenteil. Bekanntlich steigen bei Markträumung näherungsweise die Preise bzw. in diesem Falle würden die Löhne steigen. Zumindest würden sie das wenn man den Markt nicht mit „Rente ab 70“ oder „Zuwanderung qualifizierter Kräfte“ absichtlich weiter fluten würde. Höhere Löhne bei gleicher Anzahl an Stunden wiederum bedeuten bessere Einkommensverteilung und höhere Beiträge.

Derzeit wird aus politischer wie „neoliberaler“ Sicht so getan als ob uns nicht schlimmeres geschehen könne als eine Art Vollbeschäftigung wie in den 60er-Jahren. Um Himmels Willen nein, bloß nicht, das Ende des Abendlandes naht, hohe Löhne könnten drohen, wir könnten ja leere Flure bei der ARGE haben! Dabei gibt es dann auch noch am anderen Ende der Skala die mit gefüllten Fluren bei der ARGE aufgewachsenen BGE-Apologethen welche die Arbeit so oder so als „Verschwunden“ oder zumindest als „zu überwinden“ betrachten.

Ich halte das für Ignoranz, die Lust an der Panik, Effekthascherei und mancherorts auch eine „ideologisch geprägte Sichtweise“. Leider wurde der entsprechende Abschnitt bei Wikipedia gelöscht. Lasst Euch nicht von derartigen Artikeln verunsichern. Wir stehen nicht an einem demographischen Abgrund. Wir brauchen auch keine Rente ab 70. Renten sind locker und leicht in auskömmlicher Höhe finanzierbar, es ist lediglich eine Frage der Lastenverteilung. Wir stehen auch nicht am Ende der Arbeit. Nüchtern betrachtet sind wir schlicht nicht viel weiter als in den 60/70er Jahren. Endzeitszenarien welche heute aus liberaler wie linker Sicht verbreitet werden hätten in exakt dieser Form schon damals entstanden sein können — und die Welt ist seitdem weder untergegangen weil wir nicht bis 70 arbeiten noch ist sie untergegangen weil uns die Arbeit seitdem ausgegangen wäre.

 

Siehe dazu auch den Blogbeitrag: Arbeitslosenzahlen in Deutschland, Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung und die Einheit.

Comments
12 Responses to “Demographieproblem und Sozialversicherung – urban legend, die Politik der kleinen Schritte (Update)”
  1. LordSnow sagt:

    Wer solche Ideen, wie Rente ab 70 realisiert haben will, der hat sich längst aus der Realität verabschiedet. Derjenige hat weder Einblick in unser (zu) komplexes Sozialsystem noch in die körperlichen Belastung von verschiedenen Berufen.

    Die Lastenverteilung, wie du es nennst, ist allerdings tatsächlich ein Problem. Es müssen sich die Jungen, um viel mehr Ältere kümmern, als früher. Das ist aber nicht das Problem von Geld, sondern davon, wie man die vorhandene „Arbeitszeit“ für Pflege realisiert. Wobei hier, auch wenn du es nicht gern hören wirst, ein weitestgehend bedingungloses Grundeinkommen, Menschen mit Pflegefällen in der Familie, sehr helfen kann.

    • aloa5 sagt:

      Das hat nichts mit „gerne hören“ zu tun. Ein HartzIVer könnte heute ebensogut eine pflegebedüftige Oma pflegen wie jemand mit BGE. Er hat m.E. das gleiche Geld – und ggfs. sogar noch mehr, je nach Pflegestufe. Für dieses müsste man kein BGE haben und müsste auch nicht die entsprechenden Nebeneffekte welche ein Land und die Unterschicht zugrunde Richten in Kauf nehmen,

      Die Lastenverteilung bezieht sich jedoch nicht darauf sondern auf das erheben der Rente. Die Basis derer welche für Renten aufkommen ist immer mehr geschmälert worden. Sowohl quantitativ was die Anzahl der Einzahler angeht als auch quantitativ in der Höhe der Löhne. Die Anzahl der Einzahler ist rückläufig wegen der Beitragsbemessungsgrenzen und einem zunehmen an kleinen Selbstständigen Unternehmern z.B. durch Ich-AG-Aktion und das auslagern von Arbeiten im Baubereich wegen der dortigen Branchen-Mindestlöhnen auf viele und kleinste Subunternehmer.

      Die Rentenbeiträge müssen künftig teilweise anders erhoben werden. Dafür steht so etwas wie die Lohnsummenausgleichssteuer bereit oder ggfs. andere Dinge wie eine Wertschöpfungsabgabe. (Welche aber nicht unerhebliche Risiken birgt)

      Grüße
      ALOA

      • Mela sagt:

        Na ein Glück hat die pflegebedürftige Oma kein Recht darauf von Fachpersonal versorgt zu werden.

        Warum glauben immer alle, dass teure Berufe, die nicht ohne Grund mit einem Staatsexamen abschließen (Krankenpfleger!) mal eben so nebenbei billig von Leuten mit Freizeit erledigt werden können?

        • aloa5 sagt:

          Hallo Mela,
          für ein Teil der älteren würde das in der Theorie schon gelten können. Nicht die wirklichen Pflegefälle, aber leichte kann man im eigenen Haus/Haushalt schon versorgen. Das sind dann beispielsweise diejenigen welche man nicht gerne alleine lässt (Sturzgefahr; Einkaufen gehen etc.), nicht jedoch beispielsweise bettlägrige usw..

          Du hast grundsätzlich recht. Es wird gerne von denjenigen angenommen und behauptet welche ein Bedingungsloses Grundeinkommen befürworten um das Problem von Pflege- und Ärztenotstand kleinzureden bzw. die durch ein BGE begründbar immens verstärkte Problematik nicht als Argument dagegen gelten lassen zu können.

          Grüße
          ALOA

  2. Andena sagt:

    Wie gewohnt ein sehr gut recherchierter Artikel, der die tatsächlichen Problemstellen aufzeigt und die politisch-ideologischen Parolen entlarvt. 😉

  3. Dorothea sagt:

    Wie auch immer man diese Zahlen betrachtet, mehr arbeitsfähige Menschen sollten in Lohn und Brot gebracht werden. Arbeit und Kapital muss dringend gerechter verteilt werden.

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  3. […] Demographie muss auch wieder herhalten. Dem habe ich bereits ausführlich und belegt widersprochen (hier). Das Leistungen aus dem Nichts hervorkommen gibt es nicht – Kapital kann man nicht essen. […]

  4. […] hatte schon beim „Demographieproblem“ ausgeführt das in großen Teilen ein Austausch zwischen Arbeitslosen und Rentnern […]

  5. […] gestiegen wäre. Vieles von dem was man so liest kommt aus Quallen welche auch das sog. “Demographieproblem” […]

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