Arbeitslosenzahlen in Deutschland, Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung und die Einheit

Fast täglich, jedoch sicher zu jedem Quartalsbericht der Agentur für Arbeit erhalten wir erklärt wie sich doch unsere Arbeitslosenzahlen entwickelt haben. Je nach Lage der Dinge und konsumiertem Medium ist sie dramatisch angestiegen oder dank Exporterfolg gesunken. Die Arbeitslosenzahlen bei Industriearbeitsplätzen sinken, steigen, stagnieren oder die Demographie wird uns bis zu einem Jahr XYZ alle von den Arbeitslosen befreien, manche sagen gar bis in drei Jahren.

Ich hatte bereits in einem der letzten Blogartikel über die Entwicklung der Arbeitszeit geschrieben und die Daten des statistischen Bundesamtes ausgewertet. Ich möchte hier die Zahlenreihen und Grafiken noch einmal aufgreifen und aus einem anderen Blickwinkel beleuchten.

Ich zitiere hier einmal Wikipedia zu Keynes „Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung„:

Das Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung stellt eine gesamtwirtschaftliche Situation innerhalb marktwirtschaftlicher Strukturen dar, in welcher die Gütermärkte einer Volkswirtschaft geräumt sind (Marktgleichgewicht), aber dennoch Arbeitslosigkeit besteht. Die Möglichkeit einer solchen Situation wurde und wird von der Neoklassik bestritten

Ungeachtet der Begründung welche Keynes für diesen Zustand liefert biete ich hier noch einmal die Grafik der bereinigten Stundenzahlen seit 1960 an. Ich habe in der Grafik zur Illustration die angenommenen Gleichgewichte (gelb) sowie die betroffenen Bereiche des Zeitstrahles über Linien markiert.

Noch einmal zur Erklärung was ich für die Grafik als „Bereinigung“ gemacht habe:
Ich habe die Erwerbstätigenquote – also alle welche tatsächlich als „arbeitend“ gelten (Voll- oder Teilzeit) festgesetzt auf den Wert von anno 1960, nämlich 46,58% der Bevölkerung. Ich habe also so getan als ob in jedem Jahr exakt 46,58% der Bevölkerung erwerbstätig gewesen wäre. Dann habe ich die Anzahl der Stunden welche in der Volkswirtschaft gearbeitet wurden gleichmäßig auf diese 46,58% der Bevölkerung verteilt.

Es scheint mir so auszusehen das sich zwischen 1975 und 1990 absolut gar nichts verändert hat. 1975 waren es 1639,62h und im Jahre 1990 waren es 1650,22h. Hätten sich nicht mehr oder weniger Personen auf dem Arbeitsmarkt getummelt wäre die Stundenzahl der nivellierten 46,58% arbeitenden offenbar konstant geblieben.
Von einem Knick unmittelbar nach Zusammenschluss mit der DDR abgesehen haben wir nun scheinbar ein identisches Bild – nur auf niedrigerem Niveau. Es verändert sich also abgesehen offenbar praktisch absolut nichts seit dem Jahre 1975.

….. außer diesem Knick eben und den Arbeitslosenzahlen. Die Schwanken wie ein Kuhschwanz und gehen zudem meist in die Höhe. Neben den zahlreichen statistischen Tricks welche bei der Berechnung angewendet werden auch hier noch einmal kurz die Grafik der reinen Erwerbstätigenquote aus welcher ich die 46,5% für die Nivellierung entnommen habe. Man hätte im übrigen auch jede andere Quote für die Nivellierung nehmen können. Der Verlauf bzw. die Bereiche mit unveränderter Entwicklung sowie der Knick wären gleich geblieben (nur die Anzahl der Stunden nicht).

In dem Zeitraum seit 1991 ist auch die Anzahl der Teilzeitkräfte angestiegen. Die Veränderung Arbeitslosenzahlen selbst generieren sich also in der Hauptsache aus zwei Komponenten:

A) die Quote derjenigen welche arbeiten oder arbeiten wollen. Die „HartzIV-Gesetzgebung“ führte m.E. auch dazu das selbst diejenigen welche nicht wollen an die Front der Arbeitssuchenden geholt wurden. Ansonsten könnte (aus dem Bauch interpretiert) ein höherer Anteil an Frauen eine signifikante Rolle spielen sowie eine zunehmende Individualisierung, mehr Singles etc. .,

B) ein umwandeln von Vollzeitstellen in Teilzeitstellen (dazu zählt auch Leiharbeit)

Oder anders: es wurde die vorhandene Arbeit verteilt. Das ist auch insofern interessant als es innerhalb dieses Zeitraums immer wieder Arbeitszeitverkürzungen oder -veränderungen gegeben hat. Das würde zwei Schlüsse ermöglichen. Entweder hatten diese Veränderungen keinen signifikanten Effekt auf die insgesamt geleisteten Stunden oder es wirkte ausgleichend. Ich kann mir jedoch anhand der Zahlen gut vorstellen das es schlichtweg nicht signifikant zu mehr Arbeit geführt hat. Weder Veränderungen in die eine noch in die andere Richtung. Will sagen: auch HartzIV und Leiharbeit hat nichts anderes getan als normale Vollzeitstellen aufzusplitten und auf mehr Personen zu verteilen. Von „geschaffenen Arbeitsplätzen“ kann dabei m.E. vermutlich nicht die Rede sein. Wobei man u.U. positiv formuliert vermuten kann das die Flexibilität durch die Aufsplittung der Arbeitsplätze durch Hartz und Gewerkschaften und durch das niedrigere Lohnniveau verursacht die Krisenbewältigung leichter gefallen sein wird. Wie auch immer man das im Kontext ansonsten bewerten möchte.

Ich erstelle aber einmal folgende auf obigen Ausführungen basierende These:

Wir haben in Deutschland ein gleichbleibendes Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung. Insbesondere im Zuge der Einheit wurden nachweislich viele Vollzeitstellen in Teilzeitstellen umgewandelt bzw. sind Vollzeitstellen vor allem im Osten weggefallen und beispielsweise durch Teilzeitstellen in effektiver arbeitenden und/oder neueren Betrieben ersetzt. Es wurden <i>gleichzeitig</i> Stellen abgebaut und das Wohlstandsniveau ist geschwunden. Während der westliche Wohlstand gleichmäßig auf einem Niveau von 1600h/Jahr (in Abhängigkeit der 46,58% – andere Zahl, anderer Wert) gelegen ist wurde durch diesen Gleichklang des Abbaus ein Niveau von etwa 1500h/Jahr erreicht. Das wären innerhalb von etwa drei Jahren ein gesamtdeutscher Verlust an Wohlstand i.H. von 100h/Jahr und arbeitender Person. Das wären 2mio Arbeitsplätze. Die Alternative, nämlich das ausgerechnet in diesen drei Jahren andere Faktoren wie Verlagerung ins Ausland oder ein Technologieschock gewirkt hätte erscheint mir als Erklärung zu abwegig und nicht ausreichend.

Wenn meine These stimmt existiert m.E. wohl eine komplexe Aufgabe welche es für die Zukunft zu lösen gilt. Diese kann man jedoch nicht mit statistischen Tricks oder einem verteilen der Arbeit und offensichtlich auch nicht mit Druck auf Arbeitslose lösen. Ich bleibe daher dabei das es mit an der Steuer- und Abgabenstruktur sowie dem Lohn/Preis-Niveau hängt. Mein Lösungsvorschlag ist vermutlich einigen Bloglesern bekannt – es wird sicher noch andere geben können. Das interessante wird dabei auch sein wie sich die Erwerbstätigenquote entwickeln würde wenn das Un-gleichgewicht aufgehoben wird, sich dabei die Löhne wieder erholen und dieses unsägliche Monster aus HartzIV mit seinen Datenhalden und absolut unwürdigen und untauglichen Restriktionen wie Bewerbungen, Arbeitspflicht etc. aufgelöst wird. Vielleicht kommen wir wieder dahin das es ausreicht das 45% der Menschen arbeiten – und die anderen 5%, was immerhin so um die 4mio sein können, sich wieder um Kindererziehung oder gesellschaftliche Aufgaben kümmern können ohne dabei arm und gestresst zu sein. Das erscheint mir jedenfalls wesentlich zielführender als Beispielsweise das was Bloggerkollege Thomas Strobl (weissgarnix) aus einem Interview von David Held als „Zukunft der sozialen Gerechtigkeit“ kolportiert. Das ständige rufen nach europäischer und letztlich internationaler Führung…. ich bitte Euch. Was sollen die denn verordnen!?!

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