Deutschland und Dänemark in der Krise – Arbeitsmarkt, Kaufkraftparität und Mindestlöhne

Mehrere Ökonomen haben auf VoxEU.org die sagen wir „Dänische Methoden“ bei Arbeitsplatzsicherung, -schaffung etc. hinsichtlich des Verhaltens in der Krise untersucht. Dänemark galt/gilt ob seiner niedrigen Arbeitslosenraten in den letzten Jahren und aufgrund der als sehr flexibel geltenden hire and fire -Politik so etwas als Musterschüler.

Um genau zu sein hat man das „Modell Dänemark“ ob der Ähnlichkeit der wirtschaftlichen Struktur und räumlichen Nähe mit den Deutschen und den Niederländern verglichen. Als Unterschiede wurden abgehandelt das die Dänischen Arbeitgeber eben einfach Arbeitnehmer loswerden können, gelobt wie die „aktivierenden“ Arbeitsmarktmaßnahmen bei Arbeitslosigkeit aussehen sowie aufgezeigt wie die (imho gewerkschaftlich organisierten) Arbeitslosengelder zur Geltung kommen.

Die Reaktion bei der Arbeitslosenquote scheint einigen aufgefallen zu sein. Der Verlauf im Vergleich sieht wie folgt aus:


(Copyrights: Torben M. Andersen Nicole Bosch Anja Deelen Rob Euwals © voxEU.org)

Grundsätzlich kommt das dänische Modell also sehr gut weg. Hire and Fire-Politik wird positiv und als ein Grund angesehen weshalb in den Jahren davor Erfolg herrschte, ebenso die aktivierenden Arbeitsplatz-Maßnahmen welche innerhalb der offenbar 4 Jahre lang gezahlten Arbeitslosengelder welche am Ende zu intensiver Einzelbetreuung bis zu einer „Vollzeit-Aktivierung“ führt. Das läuft wohl ähnlich wie in Deutschland mit HartzIV und den 1-Euro-Jobs. Was die Wirksamkeit angeht haben die untersuchenden wohl so ihre Bedenken. Und damit kommen wir zur Problematik der Untersuchung. Sie unterstellt nämlich m.E. auf der einen Seite das letztlich der Druck zwischen Kündigung und aktivierenden Arbeitsplatzmaßnahmen (also Ausdruck sehr liberalen Grundannahmen/Vorgehens) zu stehen dafür verantwortlich ist das die Arbeitslosenquote in den letzten Jahren so niedrig gewesen ist. Auf der anderen Seite bleibt am Ende offen ob das auch jetzt noch hilft, was ggfs. diesen Grund-Tenor relativieren würde. Die Skepsis rührt auch daher das offenbar eine Krisenresistenz nicht gegeben ist, da die Arbeitslosenquote weiterhin ansteigt während in anderen Ländern schon länger ein Rückgang zu verzeichnen ist. Auch die „Aktivierungs“maßnahmen welche zuvor noch als Teil des Erfolges genannt wurden werden in Frage gestellt. Vielleicht im Ansatz ein Erkennen das Einzelmaßnahmen auch wenn sie noch so gut gemeint sind ebenso wie Druck am Ende nichts bringen wenn es eben keine Arbeitsplätze gibt auf welche man hinführen kann?

Nun zu anderen, nicht in der Studie betrachteten Aspekten welche sehr wohl einen Teil der relevanten Rahmenbedingungen und auch des Gestaltungsspielraumes bilden. Dazu zählen beispielsweise die (de facto) Mindestlöhne. Diese liegen bei etwa 100 Kronen, das sind etwa 13 Euro pro Stunde (1,2). Das kling und ist auch außerordentlich hoch. Man darf es jedoch nicht 1:1 beispielsweise auf Deutsche Verhältnisse übertragen. Der zweite Faktor, nämlich das Gefüge aus Steuern und Sozialabgaben, ist in Dänemark auch zu beachten und führt ein sehr ineffizientes Eigenleben. Die Lebenshaltungskosten sind auch aus diesem Grunde sowie auch aus Gründen welche in der Vollbeschäftigungssituation selbst liegen ebenso außerordentlich hoch. Hier einmal ein Vergleich zwischen Deutschland und Dänemark (Quelle: Eurostat, 2010 u. 2011 sind Prognosen):

Unter dem Strich ist es also etwa 37% teurer als in Deutschland. Dies eingerechnet gibt es in Dänemark also einen Mindestlohn mit 10 Euro „Deutscher“ Kaufkraft. Das ist trotzdem im europäischen wie internationalen Vergleich außerordentlich hoch. Dieser Level konnte sicher schon aufgrund offensichtlicher Anreize nur gehalten werden indem eine äußerst restriktive Einwanderungspolitik gilt und obig ausgeführter Druck auf die Arbeitnehmer ausgeübt wurde. Wäre dem nicht so, dann würde der Arbeitsmarkt schon lange überschwemmt worden sein. Es ist zu bezweifeln das man dem hätte Stand halten können. Die notwendigen Integrationsmaßnahmen und Alimentierungen hätten dem schon so ineffizienten System kombiniert mit dem Mindestlohn schon bald das Genick gebrochen.

Die Steuer/Sozialabgabenpolitik ist sehr ineffektiv. Das kann man u.a. daran sehen das die Staatsquote um 10% höher liegt, d.h. umgerechnet auf Deutschland aus etwa 200Mrd stärkeren Umlagen besteht als eben in Deutschland. Dabei ist das gewerkschaftlich/privat organisierte Arbeitslosengeld noch nicht enthalten sondern läuft zusätzlich und eben nicht von Staatsseite. Das ist auf redundante Verteilungssysteme zurückzuführen. Wenn beispielsweise 25% MwSt erhoben wird müssen logischer Weise höhere Renten ausbezahlt werden, Krankenkassen haben höhere Ausgaben, Menschen müssen mehr verdienen, was die Preise treibt, was wiederum zu höheren Umlagen… etc.. (Blogleser erinner sich: Ich hatte das MwSt-Spielchen der Redundanz bereits in einem anderen Blogbeitrag anhand des Wernerschen BGE-Modells erläutert).

Wir haben also hohe Mindestlöhne. Diese sind nicht elastisch und so wirken sie sich ganz folgerichtig in einer Krise bzw. eher danach in der Erholungsphase enorm aus. Dann kommen Länder welche diese nicht haben zum Zuge und können sich neu entstehenden Aufträge sehr viel leichter erarbeiten und billiger anbieten als es ein starres Lohnkorsett vermag. (Dies bei einer Untersuchung wie der bei o.a. (VoxEu) nicht einzubeziehen halte ich für sehr nachlässig und entwertet m.E. die Schlüsse daraus.) Das zusätzlich das hire and fire-System für hohe Entlassungsraten gesorgt hat während in Deutschland lediglich Stundenkonten heruntergefahren wurden und Kurzarbeit überbrückt hat gab den Dänen weiteren Ballast mit.

Was tun – das überlegen Dänen nun. Man ist von den Rechtsliberalen der Regierung aus auf zwei Ideen gekommen. Zum einen eine „Rente ab 70„. Das senkt die Kosten welche ja über die Mindestlöhne größtenteils gebunden sind. Begründet wird es natürlich mit der Demographie. Aber wie schon in Deutschland ist es hanebüchen über die Demographischen Gegebenheiten zu philosophieren wenn die Arbeitslosigkeit um sich gegriffen hat. Ich hatte auch das bereits als „Demographieproblem“ kommentiert. Der Zweite Weg den man in der Verzweiflung (und um den Mindestlohn herum) gehen möchte ist ein ganz rechtsliberaltypisches absenken der Mindestlöhne für Immigranten und Ausländer auf die Hälfte, nämlich 50 Kronen, sprich 6,50 Euro pro Stunde.

Der nächste logische Schritt wäre eine Inflationierung wie in Großbritannien welche auf diese Weise von über 8 Euro Mindestlohn kommend zwischenzeitlich um die 6,50 Euro „erreicht“ hatten. Ein Weg den Euroländer im übrigen so nicht gehen können.

Ich gebe hier einiges zu bedenken. Arbeitslosengeld einberechnet scheint mir ein liberal/konservatives System welches knapp um die 60% Staatsquote besitzt, hohe Mindestlöhne mit restriktiver Ausländer-, und Arbeitslosenpolitik betreibt, jeder Dritte(!) innerhalb eines Jahres(!) den Arbeitsplatz wechselt (1) und offensichtlich nicht krisenresistent ist nicht nachahmenswert. Das ist nicht nachhaltig und das obwohl die eingesetzten Mittel von umgerechnet zusätzlichen 200Mrd pro Jahr enorm sind.

Ich bin ein Freund von in sich stimmigen und krisensicheren Kreisläufen sowie von Menschlichkeit. Das kann Dänemark offenbar nicht bieten.


P.S.
BTW – ich halte den dänischen Staat für einen Albtraum. Auch aus anderen Gründen – denn der Staat ist alles andere als „liberal, sozial und nett“(1). Das Musterland hat etwas von einem wirtschaftsliberalen BigBrother-Container welcher von Nationalisten betrieben wird.

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