Die EZB und ihre Inflationsphobie

Anscheinend kommen unsere Währungshüter von der EZB erst so richtig in Fahrt – nachdem bereits letzte Woche das erste Mal seit langer Zeit wieder die Zinsschraube in einig Euroland angezogen wurde, um der ach so schrecklichen Inflationsgefahr entgegenzuwirken, so vermeldet heute munter der Focus in seiner Online-Ausgabe unter EZB deutet weitere Zinserhöhung an „bei dem ersten Trippelschritt wird es kaum bleiben“.

Interessant hierbei ist, dass als die Ursache für die Inflation die steigenden Energiepreisen gefunden wurden. Insbesondere die drohende Rohölverteuerung gefährde hier angeblich die Geldstabilität.

Nun. Fakt ist, dass steigende Importpreise für Rohöl das Preisniveau besonders bei Rohölprodukten – also Benzin, Diesel, Heizöl, Kerosin, Plaste und wegen der unheilvollen Ölpreisbindung mit Zeitverzug auch Gas und deren Verstromung – anheben wird. Und Fakt ist auch, dass diese steigenden Preise über den Transportsektor auch auf alle andere Branchen durchschlagen werden. Soweit so gut erkannt! 😉

Aber ist denn eine Zinserhöhung durch die EZB hier nun wirklich die richtige Strategie? Und hier sind dann erstmal starke Zweifel angebracht.

Denn Erstens ist eine Steigerung des Preisniveaus (wie ärgerlich das für den Einen oder Anderen auch sein mag) nicht wirklich mit einer Gefährdung der Geldstabilität gleichzusetzen. Denn steigende und witterungsbedingte Gemüsepreise im Winter rechtfertigen ja wohl auch nicht wirklich Zinserhöhungsfantasien der sogenannten Währungshüter.

Zweitens ist eine Zinserhöhung bei dem Euro wegen einer von außen importierten Inflation (=über die Rohölimporte ins Euroland importiert) im ersten Schritt so ziemlich das Wirkungsloseste, was man sich nur ausdenken kann. Denn eine importierte Inflation gehört innerhalb der Inflationstheorie in den Bereich der Nicht-monetären Inflationsursachen und kann somit mit rein monetären Maßnahmen nicht wirklich bekämpdt werden.

Und Drittens kann man sich zumindestens theoretisch bei der Bekämpfung ™ einer importierten Inflation andere geeignetere Maßnahmen vorstellen. Hierzu könnte man eine Absenkung der staatlichen Energiesteuern vornehmen, um den Preisanstieg abzumildern oder die Stärkung von Substitutsprodukten durch eine bessere Förderung von heimischer regenerativer Energiequellen mit dem Ziel, die Nachfrage bei dem teurer gewordenen Rohöl zu senken, einführen.

Aber nichts davon wird ernsthaft diskutiert, wenn die EZB wieder mal ihrer Inflationsphobie frönt. Da gehören nunmal tüchtig die Zinsen angehoben – komme da welches Argument auch immer. Dass mit dieser Zinserhöhungspolitik nur mal wieder der gerade angesprungene wirtschaftliche Aufschwung frühzeitig und nachhaltig gedämpft und letztendlich abgewürgt wird, das kommt unseren Zinsschraubendrehern gar nicht so recht in den Sinn.

Besonders irrsinnig sind die geplanten kommenden Zinsschritte, wenn man bedenkt, dass wegen der letzten Bankenkrisen die EZB munter hunderte von Milliarden in den Markt gepumpt hat und wegen der Schuldenkrise der PIIGS-Staaten mit dem Rettungsschirm die Euroblase
weiter verstärkt wurde.

Wenn man als EZB wirklich eine monetäre Maßnahme vornehmen wollte, um der wegen des Rohölpreises in die EU geschwappte Inflationgefahr zu begegnen, dann würde sich zum Beispiel anbieten, endlich mal den Mindestreservesatz anzuheben. Damit könnte man dann gleichzeitig den Bankensektor auf eine zumindestens theoretisch etwas stabilere Basis stellen. Oder man könnte anfangen, das in der Bankenkrise zur Verfügung gestellte Geld wieder einzusammeln.

Dennoch muss man sich natürlich auch fragen, ab welcher Teuerungsrate denn nun wirklich eine Inflationsgefahr besteht. Gerade die Deutschen ™ scheinen da geschichtlicherseits wegen der letzten Hyperinflation vor knapp 90 Jahren noch ein wenig bis extremst angepiekst zu sein. Ist eine Teuerungsrate von 2,x % tatsächlich was ganz ganz Schlimmes, so dass man jetzt die Zinsschraube andrehen muss? Aus Sicht der EZB JA, denn der ihr gegebene Auftrag lautet, die Inflationsrate unter 2% zu halten. Aus Sicht der Kapitalbesitzenden und dem Kapitalmarkt auch, denn eine Inflation bedeutet faktisch eine Vernichtung von Geldbesitz. Für Schuldner ist eine höhere Inflation dagegen solange nicht tragisch, solange die Zinsen nicht steigen.

Aus meiner Sicht macht dieses starre Festhalten an dieser Niedrigstinflationspolitik inklusive EZB-Zinsanhebung bei der kleinsten Preisniveausteigerung gar keinen Sinn, da die negative Wirkung auf die Real-Wirtschaft schwerer wiegen als die Segnungen einer „starken Währung“.

Bei der Frage „Wem nutzt eine niedrige Inflation?“ haben wir mehrere Folgen der Zinsanhebung zu untersuchen:
1. Welche Auswirkung hat die Zinspolitik der EZB auf die Inflationshöhe?
2. Wie verändern sich Finanzmarkterträge?
3. Wie verändert sich das BIP?
4. Wie verändert sich die Beschäftigung?
5. Wie werden die Realwirtschaftsrendite verteilt?

1. Welche Auswirkung hat die Zinspolitik der EZB auf die Inflationshöhe?
Durch die Aufgabenfixierung auf eine niedrige Inflationsrate leitet die EZB ihre Aufgabe ab, die Zinsen bereits bei vermuteter Inflationsgefahr zu erhöhen.

2. Wie verändern sich Finanzmarkterträge?
Eine Zinserhöhung der EZB bewirkt im Markt, dass die Spanne zwischen dem Zins und der Inflationsrate vergrößert wird, demnach steigt im Finanzsektor (inkl EZB selbst) die Rentabilität.

3. Wie verändert sich das BIP?
Eine Zinserhöhung der EZB dämpft die Wirtschaftsdynamik und senkt das BIP-Wachstum.

4. Wie verändert sich die Beschäftigung?
Aus den Daten 2000 – 2008 lassen sich folgende Korrelationen zwischen Beschäftigungsaufbau und folgenden Vergleichsdaten feststellen:
Beschäftigungszuwachs & BIP-Zuwachs nominell: 0,82
Beschäftigungszuwachs & Inflation: 0,75
Beschäftigungszuwachs & BIP-Zuwachs real: 0,70
Beschäftigungszuwachs & EZB Zins: 0,47
Beschäftigungszuwachs & Produktivität: -0,30

Hier sehen wir folgende Zusammenhänge:
a) Bei hohem BIP-Zuwachs wird Beschäftigung aufgebaut, bei niedrigem BIP-Zuwachs bzw BIP-Rückgang Beschäftigung abgebaut, eine Korrelation zwischen BIP-Zuwachs und Beschäftigungszuwachs ist eindeutig gegeben.
b) Bei hoher Inflationsrate wird Beschäftigung aufgebaut, bei niedriger abgebaut. Eine Korrelation ist gegeben.

Die unmittelbare Folge: Ein Abdrosseln der Wirtschaftsdynamik durch Zinserhöhung der EZB mit dem Ziel, die Inflationsrate zu senken würde demnach ebenso den Beschäftigungsaufbau begrenzen bzw Beschäftigungsabbau initiieren.

5. Wie wird die Realwirtschaftsrendite verteilt?
Aus den obigen Daten 2000 – 2008 ist auffällig, dass es eine gewisse negative Korrelation zwischen Inflationsrate und der Produktivität gibt: KORREL = – 0,52. Das heißt, je höher die Inflationsrate war, desto niedriger die Produktivität.

Die Empfehlung der EU zu Lohnerhöhungen ist, dass sich die Reallöhne möglichst am Trend des Produktivitätswachstums orientieren soll. Hier betrachten wir mal die Argumentationskette der Unternehmer und Währungshüter im Wirtschaftszyklus:

# Wirtschaftstal: BIP niedrig, Inflation niedrig, Produktivität steigend
Argumentation = Hohe Lohnabschlüsse verhindern den Aufschwung

# Aufschwung: BIP steigend, Inflation steigend, Produktivität hoch
Argumentation = Hohe Lohnabschlüsse steigern die Inflationsgefahr

# Wirtschaftsboom: BIP hoch, Inflation hoch, Produktivität niedrig
Argumentation = Bei geringer Produktivität kann Lohn nicht steigen

# Abschwung: BIP fallend, Inflation fallend, Produktivität niedrig
Argumentation = Bei geringer Produktivität kann Lohn nicht steigen

Aus den Daten 2000 – 2008 lässt sich eine gewisse Korrelation zwischen dem BIP-Wachstum und der Inflationsrate auf der einen Seite und dem Beschäftigungszuwachs auf der anderen Seite ableiten. Bei einem Vergleich des Datenpaars Inflationsrate und Beschäftigungszuwachs kann ein Zusammenhang bestätigt werden. Die These der Phillips-Kurve, dass es einen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosenquote und der Inflation gibt, lässt sich dagegen nicht feststellen. Der Einfachheit halber nenne ich diese Weiterentwicklung der Phillips-Kurven-Theorie mal Andena-Kurve. 😉

Meine Zusammenfassung:

* Eine Zinspolitik der EZB bei Fixierung auf ein Inflationsziel von unter 2% führt unweigerlich dazu, dass die EZB die Zinsen erhöht, sobald sich die Anzeichen für eine unterstellte Inflationsgefahr mehren.
* Die Zinserhöhung bremst den Wirtschaftsaufschwung und unterbricht damit den Beschäftigungsaufbau.
* Gleichzeitig erhöht eine Zinserhöhung die Spanne zwischen Zins und Inflation, hierdurch werden Finanzmarktrenditen gefördert.
* Die EU Empfehlung zur Lohnpolitik fördert mit der Argumentation einer Inflationsgefahr zur gesellschaftlichen Begründung von Lohnabschlüssen unterhalb der Produktivitätsentwicklung.
* Die Zinspolitik der EZB schadet demnach sowohl hinsichtlich der Beschäftigungsausweitung als auch bei der Argumentation zu einer positiven Lohnentwicklung.
* Die Zinspolitik der EZB erhöht die Rendite der Wirtschaft – insbesondere der Finanzwirtschaft.
* Die Zinspolitik der EZB erhöht die Zins-Gewinne der EZB.

Aus diesen und anderen Erwägungen heraus haben wir – die AG soziale(re) Marktwirtschaft – zum Thema „EZB-Politik“ einen Programmantrag zum Grundsatzprogramm der Piratenpartei mit dem Titel Zentralbank-Politik und Bankenaufsicht formuliert, der hoffentlich auf dem nächsten Bundesparteitag bestätigt wird.

Nach diesem Antrag würde der Inflationskorridor zum Beispiel auf 0% bis 5% gegenüber den heute maximal 2% erweitert, so die EZB mit beginnendem Wirtschaftswachstum dann keine Zinsspielereien mehr zu starten bräuchte. Mit dieser größeren Preisniveaugelassenheit wird gerade keine währungspolitische Gefahr ™ für den Euroraum erzeugt. Vielmehr wäre sie in erster Linie förderlich für die Realwirtschaft und den Beschäftigungszuwachs, da mit dem Verzicht auf eine vereilige Zinsanhebung der wirtschaftliche Aufschwung dann nicht mehr abgewürgt wird.

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2 Responses to “Die EZB und ihre Inflationsphobie”
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  1. […] seinem Blog. Ich habe mir jetzt kurz noch einmal die Beiträge durchgesehen und dazu auch Andenas Beitrag hier im Blog der schon länger zurück […]

  2. […] Allerdings sollte man sich wirklich überlegen ob man nicht bei der Energie hingeht und tatsächlich Senkungen der Besteuerung durchführt. Wobei sich dies nicht im Bereich der MwSt abspielen muss. Das wurde von Andena und mir bereits hier im Blog in Bezug auf importierte Inflation durch steigende Importpreise bei Rohstoffen so angemerkt (1,2) […]



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