Die Frage des Mindestlohns in Deutschland

Ich nehme hier einmal aus einer Diskussion welche mir bei einem Streifzug aufgefallen ist – aber immer wieder so oder so ähnlich vorkommt – einen verfremdete Passage heraus und antworte auf die Frage des Mindestlohnes.

…Es gibt also mehr Gleichqualifizierte …. Damit mehr davon beschäftigt werden können, muss ihr Lohnniveau jedoch sinken.
…..Du kannst nur mehr dieser Gruppe beschäftigen, wenn sich die Leute häufiger z.B. Haare schneiden lassen. Dafür müsste diese Arbeit jedoch günstiger sein als sie es heute ist. Der M. würde verhindern, dass diese Löhne sinken und sie sogar erhöhen. Ist diese Leistung jedoch teurer, so nehmen die Leute eher weniger z.B. Friseurleistungen in Anspruch. Es können also immer weniger der gleichqualifizierten beschäftigt werden. Es folgt Arbeitslosigkeit.

….so könnte eine normale Erklärung also lauten welche man im Netz lesen kann. Sie ist ganz gut. Sie gefällt mir persönlich besser als einfache Erklärungen der pro Mindestlohn-Seite welche m.E. oftmals nur eine kleine Gruppe von Mindestlöhnern im Auge hat, aber weder Arbeitslose noch die Gesamtproblematik im Auge hat.

Es kommen nämlich noch ein paar weitere Faktoren ins Spiel welche das ganze weiter verkomplizieren. So einfach ist das nicht. Das skizzierte – nämlich Löhne ´runter->Beschäftigung hoch – ist Neoklassik und m.E. angreifbar durch die „Cambridge-Cambridge-Kontroverse„:

Kurzusammenfassung m.E. so: sinken die Löhne immer weiter, dann stellen diejenigen welche zu wenig erhalten (zwangsweise) immer mehr Arbeitsstunden zu Verfügung womit eine Abnahme der Arbeitslosigkeit, respektive eine Armeitsmarkträumung ausgeschlossen ist. Das wird zwar durch ALGII abgemildert aber bei weitem nicht völlig und mit anderen negativen Kombilohn-Effekten.

Der Neoklassische „Schweinebauch-Arbeitsmarkt“ wird nicht nur durch Sraffas Ausführungen angegriffen sondern auch aktuell durch die mangelnde Nachfrage und auch die mangelhafte Kreditwürdigkeit, bzw. schlechte Einkommensverteilung in heutiger Zeit – sagt selbst das IWF. Unter Keynes gibt es hierzu auch das Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung und die Investitionsfalle.

Kurz weitergehend durch mich interpretiert: die Nachfrage fehlt weil zu viele zu wenig zum ausgeben haben und die Kreditaufnahmen nicht ausreichen um das Verteilungsdefizit zu beheben.

Diejenigen welche den Friseur-(Mindest)Lohn zahlen besitzen ja selbst ein Einkommen, fragen also Produkte und Leistungen nach. Kommt das Geld vermehrt aus der Sparquote (wurde es also davor gespart) kann das einen positiven Effekt hervorrufen, da in der Summe mehr konsumiert wird. Vielleicht nicht beim Friseur, aber durch den Friseur an anderer Stelle.

Das kann und wird ggfs. kurzzeitig einen positiven Effekt haben. Die Grundproblematiken des Mindestlohn bleiben jedoch bestehen. Die eine ist das das was dazu geführt hat das man einen Mindestlohn einführen möchte nicht beseitigt ist. In diesem Falle ist es die schlechte(tm) Einkommensverteilung. Die Rahmenbedingungen/Rahmengesetzgebung führt offenbar dazu das das vorhandene nicht sonderlich gut fließt und verteilt wird und es eben zu Nachfragelücken und schlechten Aussichten für die Wirtschaft (und damit Kauf- und Investitionszurückhaltung) sowie zunehmender Kreditunwürdigkeit kommt (im Endausbau auch für Staaten und Banken). Wird das nicht behoben kommt es nach kurzer Zeit zu einer Rückkehr zum status quo. Zusätzlich fließt aufgrund dessen dann noch das Investitionsgeld in Regionen wie China wo die Perspektiven besser sind. Das andere Problem ist das ein Mindestlohn eben nicht sonderlich elastisch und damit krisenfest ist. Wie man anhand von Dänemark sehen kann führt das bei einer Krise zu Arbeitsplatzverlusten. Die Briten haben sich über Inflationierung „gerettet“. Anno 2007 waren es 5,52 Pfund. Anno 2011 sind es 6,08 Pfund Mindestlohn. Nur das die 5,52 Pfund bei einem Kurs von 1,50 EUR dann 8,20 Euro bedeutet haben – und die 6,08 Pfund bei einem Kurs von rd. 1,10 akuell nur 6,70 Euro bedeuten. Es erscheint aber eher wenig sinnvoll sich immer so aus der Affäre ziehen zu müssen. Ich könnte mir vorstellen das dies auch nicht immer gelingt. In GB hatte die Lowpay-Kommission schon 2006/2007 leicht negative Auswirkungen auf spezielle Mindstlohn-Sektoren (Pflegebereich) festgestellt und daher nur noch moderate Erhöhungen empfohlen. Es hätte also m.E. auch ohne Krise bereits ein Problem bestanden. Altersarmut ist in GB auch schon eher usus.

Man kann etwas bildhaft die Problematik anhand der Einkommensverteilung in den USA sehen. Nicht jedoch um billige Verteilungsfragen aufzuwerfen. Die ökonomische Dimension dabei ist jedoch das dies dazu führt das zu wenig konsumiert wird, zu wenig Beschäftigung resultiert und durch selbiges am Ende zu viele Arbeitssuchende den Marktpreis für Arbeit kaputt machen. Dieses Grundproblem wird eben nicht dadurch behoben das man versucht selbigen Marktpreis künstlich anzuheben. Dafür profitieren zu wenige davon – und sind zu viele Nebeneffekte zu beklagen. Als da u.a. wären: höherer Umlagebedarf für in der Arbeitslosigkeit verbleibende, Rentner, Co-Abhängige wie Kinder etc. was weitere Regelungen bedarf. Verlagerungen ins Ausland u.U. auch (direkt durch den Lohn verursacht, indirekt durch die Folgen wie Steuererhöhungen usw.), wobei hier bei uns da der Heckscher-Ohlin-Effekt schon sagen wir „marktbereinigend“ eingegriffen hat und die aufgrund der Kosten verlagerbaren Stellen schon in Asien sind, also eher nicht verlagert werden können. Etwas was man eher umkehren als verstärken sollte. Schon alleine eben um nicht die weniger Qualifizierten vermehrt in der Perspektivlosigkeit verharren zu lassen. Abgesehen davon ist es volkswirtschaftlich wie auch gesellschaftlich/menschlich nicht sinnvoll Arbeitsleistung welche in der Regel freiwillig angeboten wird ungenutzt zu lassen. Viele, nicht einmal nur Arbeitslose wollen ja mehr arbeiten. Gleichzeitig ist unbestritten das viele viel weniger Geld besitzen als sie für die Befriedigung nicht einmal hoch gesteckter Bedürfnisse bräuchten.

Was wir also benötigen ist etwas ganz anderes als ein Vehikel was ein aktuelles Leiden kurzfristig kaschiert und aufschiebt. Natürlich muss sich Arbeit lohnen. Was eine Arbeit lohnenswert macht ist jedoch der Nettolohn und das was man an sonst. Leistungen noch erhält. Bruttolohn-Vereinbarungen und Kombilöhne, Mindestlöhne welche in GB steigende Arbeitnehmerzahlen und z.B. in Frankreich bei 9% Arbeitslosigkeit inzwischen 15% aller Arbeitnehmer erhalten sind nicht zielführend. Familien mit zwei Verdienern in Frankreich sind öfters „arm“ als in Deutschland. Das ist auch ein Problem welches durch die Redundanz des Steuersystems welches zum auffangen des Lohnniveaus dient entstanden ist welches ich bereits mehrfach im Blog angesprochen hatte (zu Dänemark wie zu einem MwSt-System).

Eine Lastenverschiebung ist also notwendig, auch und gerade der Sozialversicherungszweige und der Staatsausgaben. Dann sind auch wieder „billige“ aber mit auskömmlichen Netto-Löhnen ausgestattete Arbeitsplätze in Deutschland wie auch in anderen Ländern realisierbar. Das führt in Grenzen auch zu etwas mehr Regionalisierung. Eine wesentlich zufriedenstellendere und absicherndere globale Wirtschaftssituation mit solideren Strukturen. Die Alternative ist eine Ausdifferenzierung wie gehabt. Billiglohn-Länder auf der einen und High-Tech-Länder mit Mindestlöhnen und struktureller Arbeitslosigkeit im Geringqualifiziertensektor auf der anderen Seite…. und m.E. daraus resultierende Einkommensungleichgewichte und auch globale Krisen.

“restoration of poor and middle income households’ bargaining power can be very effective, leading to the prospect of a sustained reduction in leverage that should reduce the probability of a further crisis.”

And so on….

Comments
One Response to “Die Frage des Mindestlohns in Deutschland”
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  1. […] Wie in Frankreich steht natürlich auch in GB die Frage im Raum was zuerst war – schlechte Konjunktur, schlechte Rahmengegebenheiten oder der Mindestlohn. Befürworter eines Mindestlohnes finden nichts schlechtes daraun, oft gleichgültig welche Höhe dieser hat. Auch Ökonomen ziehen das des öfteren nicht in Betrachtungen mit ein – ein Fehler, exzessiv besprochen auch anhand schlechter Studien dazu [1,2,3]. […]



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