Randnotiz: schlecht, schlechter, Mindestlohn-Studie (mit Update)

Und wieder ein „schönes“ Beispiel für etwas was man aushalten lesen muss und vorgesetzt erhält.

Über Spiegel-Online kolportiert kann man lesen wie die Berliner Zeitung die von einem Schweizer Forschungsunternehmen Prognos für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung gearbeitete Studie zum Mindestlohn aussieht.

„Erstmals“ hätten Wissenschaftler die Auswirkungen einer Lohnuntergrenze auf die staatlichen Haushalte berechnet! Das hat sicher noch nie jemand getan. Absurde Vorstellung. Wozu auch.

Und mögliche negative oder positive Beschäftigungseffekte klammerten die Forscher offenbar deswegen aus, (festhalten) weil sich diese nicht eindeutig vorhersagen ließen!

Wie sagt man so schön: rolling on the floor laughing.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wenn alle Löhne auf mindestens 1500 Euro steigen, steigen die Einnahmen für die SV. Welch hochwissenschaftliche Aussage. Darauf wäre ich nicht gekommen.

Selbst Forest Gump kann Löhne auf 8,50 Euro erhöhen, alle weiteren Effekte ausklammern und erklären das die Einnahmen steigen. Er hätte es vermutlich anhand seiner Krabben in den Dosen berechnet und ausgerechnet das er ein vielfaches an Gewinn erzielt wenn er den Preis verdoppelt.

Abgesehen davon sind die im Spiegel-Bericht genannten 2,7Mrd mehr an Einnahmen über Steuer/SV zzgl. 1,7Mrd weniger an Ausgaben zusammen 4,4Mrd. Wie daraus dann „mehr als 7Mrd“ entstehen bleibt nach der Lektüre des Spiegel-Berichtes im Dunkeln (sollte einem Blogleser etwas aufgefallen sein was mir entgangen ist – bitte eine Nachricht).

Dann doch lieber den IAT-Bericht aus 2006:
IAT 2006

Oder die von Verdi in Auftrag gegebene Studie aus 2007:
Verdi

Auch diese Beiden Studien haben jedoch teilweise erhebliche Mängel. Die Prognos-Studie schießt mit der Missachtung aller weitergehender Effekte jedoch bislang den Vogel ab. Dabei bietet u.a. gerade England mit seinem 1999 eingeführten Mindestlohn und unter http://www.lowpay.gov.uk/ jährlich veröffentlichten und ausführlichsten(!) Berichten doch nun wirklich genug Material für eine weitergehende Auswertung.

Das war aber wohl hier gar nicht erwünscht und nicht durch die SPD-nahe Stiftung (welche das überhaupt nicht selbst erstellt hat) beauftragt.

Ich habe mir ja vorgenommen die britischen Daten einmal über die Jahre zur Auswertung vorzunehmen. Nachdem ich aber drei Berichte partiell durchgearbeitet hatte, es wirklich nicht gerade mal eben schnell gemacht ist und ich keine Millionen einer „ich wünsch mir vorher ein Ergebnis“-Organisation dafür erhalten würde, habe ich es noch nicht geschafft (freiwillige Spenden willkommen😉 ). Im Gedächtnis hängen geblieben ist jedoch das im 2007er oder 2008er Bericht eine Notbremse gezogen wurde nachdem negative Beschäftigungseffekte in einzelnen Sektoren eingetreten sind. Das war bei etwa (umgerechnet) 8 Euro der Fall. Zudem hat sich sukzessive auch die prozentuale Anzahl der mit Mindestlohn entlohnten Beschäftigten erhöht.

Die Studie von Prognos ist wenn das davon bekannte das ist was es auch tatsächlich enthält (und nicht wesentliches hinzu tritt) meines Erachtens jedoch wertlos.

Allenfalls dafür tauglich was SPON auch im Untertitel sagt: „Politische Diskussion befeuern“. Sprich: wertlose Aussagen als Zündstoff nehmen und anderen als Bare Münze verkaufen. Auch hier mahne ich an das man wenn man sich schon über etwas unterhalten möchte dann doch wenigstens halbwegs vernünftige, sachliche, nachvollziehbare und verwertbare Daten und Argumente als Grundlage zu benutzen. Alles andere ist wertlose Polemik welche niemandem hilft.

Kleines Update:

Es gibt auch ein Papier des Böckler-Institutes aus diesem Jahr was in die gleiche qualitativ fragwürdige und sagen wir einmal „undifferenzierte“ Kategorie fällt. Da wird z.B. erklärt das Großbritannien das „europäische Schlusslicht der Spitzengruppe“ bilden würde mit 6,91 Euro. Das wird damit entschuldigt das ja das Pfund gefallen wäre:

„Auf der Basis des Wechselkurses von 2007 würde der Mindestlohn in Großbritannien heute bei 8,67 € pro Stunde liegen und hätte damit einen mit den anderen westeuropäischen Ländern vergleichbaren Wert.“

Das alleine ist ja schon albern (warum nicht ehemalige Sloti mit dem Wechselkurs von 1964 als US$ o.ä.?). Aber es wird zur Farce wenn man sich die nächste Seite ansieht in welcher die Kaufkraftparitäten (der Kaufkraft-Wert des Bruttolohnes) genannt werden. Da werden aus den 6,91 Euro nämlich 7 Euro – und nicht etwa 8,67 Euro. So viel zum „mit den anderen WE Ländern vergleichbaren Wert“.

Es wird am Ende dann auch von einem „alternativen, stärker lohngetriebenem Wachstumsmodell“ gesprochen. Gemeint kann damit wohl nur eine Lohngetriebene Inflation sein. Wachstum bei bestenfalls Null Beschäftigungswirkung, gar nachweisebares solches, kann man da wohl nicht anbringen und ist auch folgerichtig nicht zu lesen. Da wird Inflation über eine Lohn/Preis-Spirale offenbar mit Wachstum gleichgesetzt.

Ganz am Ende dann noch der Verweise auf eine aktuelle Untersuchung der Universität Berkeley. Die käme „im Gegenteil“ zu dem Ergebnis, dass sich Mindestlöhne nicht negativ auf die Anzahl der Arbeitsplätze in den klassischen Niedriglohnbranchen auswirken.

Gemeint ist damit eine Studie welche USA, Kanada und Frankreich betrachtet. Daraus einmal ein Zitat für die Untersuchrung der 80er Jahre:

As shown in row 8 of table 4, mean log wages of men fell by 7.5 per cent in our U.S. sample, rose by 3.9 per cent in our Canadian sample, and fell by 2.7 per cent in our French sample. For women, average real wage growth was slightly positive in the IJnited States and Canada and negative in France. The measured decline in real wages for French workers is due to the use of an after-tax wage.

Womit wir sehen wie sehr die Mindestlohn-Betrachtung allein der Bruttolöhne ein Irrweg ist. Nettolöhne und Kaufkraft sind das entscheidende. Wenn Bruttolöhne und Lohnkosten steigen steigt der Umverteilungsbedarf für Sozial- und Alterskassen, folgen Steuer- und Abgabenerhöhungen und am Ende hat man eben wie in Frankreich dann schon Mal weniger anstatt mehr in der Hand – trotz wesentlich höherem Bruttolohn.

Nun könnte man einwenden das eine vernünftige Steuer/SV-Politik ja dazu gehöre. Dann erwiedere ich aber folgendes: Hätte man das, nämlich eine sinnvolle und effektive Steuer und Sozialpolitik schon zuvor erledigt wäre ein Mindestlohn wohl m.E. überhaupt nicht ins Gespräch gekommen und vor allem wäre keine Arbeitslosenquote von 10% wie in Frankreich aktuell zu beklagen — und BTW auch in den USA mit/ohne Mindestlöhnen.

Siehe zur Frage des Mindestlohns auch:

Die Frage des Mindestlohns in Deutschland

Deutschland und Dänemark in der Krise

Comments
6 Responses to “Randnotiz: schlecht, schlechter, Mindestlohn-Studie (mit Update)”
  1. egghat sagt:

    Sehr schöne Übersicht über die teilweise grauenhaften Studien in diesem Bereich, mit denen Politik gemacht werden soll. Sonst nichts, wissenschaftliches Arbeiten sieht anders aus.

    Werde mal einen Hinweis hierhin ans Ende meines Artikels packen.

    • aloa5 sagt:

      Danke Egghat.

      Die Studien wie die aus Berkeley sind ja recht gut – da kann man einiges an Zahlenmaterial verwerten. Was dann jedoch andere daraus machen ist schon nicht mehr vertretbar.

      Man sieht aber auch schön bei dem Böckler-Papier wie die Zielrichtung aussieht. Dort wird der Druck auf die Mindestlöhne z.B. in Irland oder Griechenland auf die Politik geschoben. Wirtschaftliche Aspekte spielen dabei offenbar keine Rolle. Die Ideologie dahinter wird da deutlich. Anders ist das undifferenzierte Vorgehen nicht zu erklären welches zu unterstellen scheint das auch 20 Euro vertretbar wären.

      Es sind politische Papiere welche auf Effekte abzielen.

      Grüße
      ALOA

  2. ketzerisch sagt:

    „Schlusslicht der Spitzengruppe“ ist ja ein cooler Begriff. Den merkt ich mir.

Trackbacks
Check out what others are saying...
  1. […] ich hatte schon mehrfach hier im Blog Kritik an Mindestlohn-Praktiken und auch an merkwürdigen Studien und Vergleichen geübt. Und dies meines Erachtens auch zu recht wie man anhand der obigen Beispiele von zwei der […]

  2. […] Wie in Frankreich steht natürlich auch in GB die Frage im Raum was zuerst war – schlechte Konjunktur, schlechte Rahmengegebenheiten oder der Mindestlohn. Befürworter eines Mindestlohnes finden nichts schlechtes daraun, oft gleichgültig welche Höhe dieser hat. Auch Ökonomen ziehen das des öfteren nicht in Betrachtungen mit ein – ein Fehler, exzessiv besprochen auch anhand schlechter Studien dazu [1,2,3]. […]

  3. […] das Thema durchzugehen. Denn leider sind die Papiere nicht herausstechend sondern haben einen Hang zur üblichen Qualität. Damit sind sie zumindest […]



Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: