Essensmarken und HartzIV sind Handelspolitik – Arbeitsplatzeffekte des Handels mit China

Ich hatte erst letztens noch einmal anhand zweier kleinerer Arbeiten beschrieben wie sich das mit dem Heckscher-Ohlin-Theorem verhält. Auf einem etwas „gehobenerem“ Niveau gibt es gleich zwei recht aktuelle Arbeiten. Eine von den Autoren Dorn und Hanson am MIT aus dem Februar 2011. Die Diskussion in der amerikanischen VWL-Blogosphäre darum ist bereits vorbei, aber die ging ja auch in eine geringfügig andere Richtung.

Die Arbeit an sich behandelt „lokale Arbeitsmarkt-Effekte“ (in den USA) welche aus dem Handel mit China resultieren. Dort wird dargestellt das die Arbeitsplatzverluste in der Produktion zwischen 1991 und 2000 in den USA zu 19% auf dem Handel mit China beruhen, zwischen 2000 und 2007 sogar 32%. In der zweiten Arbeit von Frank Levy und Tom Cochan welche die stagnierenden Löhne (um 10% gefallen) bei gleichzeitigem Produktivitätszuwachs um 78% zwischen 1980-2009 behandeln wird dann daraus geschlossen das das US-Handelsdefizit der letzten Beiden Jahrzehnte u.a. darauf beruhen und eine Rückkehr der Produktion in die Staaten als Lösung gefordert.

Beide Papiere sind sehr lesenswert, wobei man die „technischen“ Teile durchaus überspringen kann. Noch leichter hat man es vielleicht wenn man sich die Kommentare vor allem zum ersten Papier in der Econ-Blogosphäre dazu durchliest. Zum zweiten gibt es das noch nicht, denn es wurde erst gerade bekannt. Lesenswert ist dieser Blogartikel welche u.a. enthält:

One of the interesting things that the paper makes clear is that the normal compensation for losses from trade mechanisms – especially the Trade Adjustment Assistance Act – are rounding errors. The real mechanisms for redistribution from trade are workers going on disability and health insurance compensation. Food stamps play a major role, and the growth of food stamps over the past two decades should be thought of as as part of trade policy in addition to welfare policy.

Das ist ein schon fast dramatisch zu nennender Punkt welcher er sich aus der Studie herausgeholt hat welcher m.E. ebenfalls diskussionswürdig ist. Es wird gesagt das der „wirkliche“ Mechanismus der Verteilung u.a. über das Gesundheitssystem und über Essensmarken läuft. Man müsse das Anwachsen der Essensmarken-Ausgabe als Teil der Handelspolitik sehen.

Nun könnte der Blogleser ja denken: das ist ja eine kranke Denkweise, hält sie doch eine große Anzahl von Menschen am Existenzminimum. Dem ist m.E. auch so. Je nachdem in welchem Milieu man sich bewegt trifft man sie jedoch täglich an. Sie wird bei uns in der Form des „Bedingungslosen Grundeinkommens(BGE)“ bzw. in Form des „Basic incomes“ diskutiert (nicht umsonst umwirbt der INSM-Bothschafter Prof. Straubhaar das ganze). Allerdings ist das lediglich der „Essensmarken“-Teil bzw. m.E. auch der Kombilohn-Effekt. Das mit dem Gesundheitssystem ist nicht ganz vom Schuss weg und kann in einer noch besseren Weise auch mit dem Rentensystem gekoppelt gesehen werden (als Grundrente für jeden wie z.B. in der Schweiz). Allerdings muss man dabei jedoch sehr aufpassen. Ich hatte davor schon auf das Handelsdefizit in den USA hingewiesen. Natürlich kann man hingehen und Importieren und aus den „Gewinnen“ Essensmarken finanzieren (HartzIV ist das Deutsche Äquivalent). Das geht so lange man auch tatsächlich Gewinne damit macht, also einen Handelsüberschuss erwirtschaftet. Und diese Gewinne müssen auch in dem Maße verteilt werden. Man darf auch nicht missachten das man dabei eine reale und nicht gerade kleine Transfergeld-Unterschicht und damit Unzufriedenheit schafft, während die eindeutigen Gewinner Exportindustrien darstellen. Es wird im übrigen im weiteren (nicht in diesem Blogartikel behandelt) darauf hingewiesen das die Mechanismen Import/Export und Arbeitsplätze nicht so gesehen werden können das man für die weggefallenen Arbeitsplätze ja „entsprechend“(!) Export-Arbeitsplätze geschaffen würden. Das funktioniert nur in Sagen. Betrachtet man Heckscher-Ohlin dann würde es m.E. wohl nur dann funktionieren wenn unsere Arbeitslosen alle Maschinenbau-Ingenieure wären und sein könnten. Was in der Globalisierung funktioniert, nämlich eine Aufteilung nach Produktion mit Billiglöhnen und niedriger Qualifikation und Hochlohn-Ländern mit hohen Qualifikationen funktioniert nicht mit der Gesellschaft und wir werden auch zukünftig nicht in good old Germany lauter IQ125 Kinder in die Welt setzen.Wir geben also seit Jahren sukzessive Arbeit ins Ausland ab.

Und wir müssen uns darauf einstellen das die nächsten „Chinesen“ bereits in den Startlöchern stehen, z.B. die Vietnamesen. Und was auch noch als Option zur Debatte steht ist ein zurückschwingen des Pendels. Wenn Chinesen und Inder ihre Maschinen selbst zusammenbauen und Hochqualifizierte sowie eine gute Infrastruktur stehen, dann kann es sein das andere Länder welche sich auf das Verteilen mit Essensmarken gestürzt haben erschreckt feststellen das sie Pleite sind. Und womöglich ist es das was wir bei den USA aktuell sehen – und nichts anderes. Wir in Deutschland hatten mehr „Glück“ würde ich sagen – wir machen noch etwas. Warum Glück? Wenn man sich im Lichte des gesagten ansieht wie es die WiWo mit „schöner Kapitalismus“ kommentiert…. je nun. Erkenntnis tut Not, nicht nur in den USA.

Es sind die spaltenden Insider/Outsider-Diskussionen welche die Szenerie beherrschen. Die Insider sind diejenigen welche Arbeit und einen Verdienst haben. Sie werden von Steuersenkungsparteien und liberalen Ökonomen hofiert wie vor 200 Jahren. Und sie werden von Linken Parteien und Gewerkschaften hofiert – wie vor 100 Jahren. Gesamtökonomische Denkweisen welche alle und alles mit einbeziehen sind selten geworden in unseren Tagen. Vielleicht auch der Gesellschaft und den Medien geschuldet welche wiederum das hofieren was über möglichst kontroverse und extreme Ansichten eines bringt: Quote. Das ist eben interessanter und so oszillieren wir zwischen Extremen.

Ceterum censeo…..(kann sich jeder denken) Es ist überaus befriedigend für mich das ich das Dilemma bereits Ende 2006 erkannt und benannt hatte. Auch meine übrigen Überlegungen zu meinem damaligen Ansatz „Investivwirtschaft“ und in der Folge auch der Lohnsummenausgleichssteuer haben daher nach wie vor Bestand und sind aktueller denn je. Die Effekte gibt es m.E. nicht nur zwischen Staaten sondern auch innerhalb eines Landes. Wer es hinbekommt die Einkommensverteilung im Staate wie auch stabil innerhalb einer globalisierten Welt mit der Produktion zu koppeln wird am Ende der Gewinner sein. Dieser Staat wird trotzdem noch mit Problemen zu kämpfen haben, z.B. mit einem Handelsüberschuß. Aber das ist denn nicht wirklich ein Argument. Man ist eben besser als andere und das kann man durchaus als Luxusproblem in Kauf nehmen.

Bis so etwas jedoch im Mainstream der Ökonomen angelangt dauert es. In der Politik dauert es dann noch einmal viel länger. Ich war einmal der Ansicht man könne das über neue Parteien wie der Piratenpartei schneller zur Sprache bringen und verankern, ist Heckscher-Ohlin doch Zukunftsweisend und hochbrisant und ein Teil des Themenfeldes Patente/Innovationen/Technik. Auch ein Grund warum ich u.a. den Teil im Gründungsprogramm mit geschrieben hatte. Allerdings kann man nach 5 Jahren Partei festhalten das die Erwartung wohl ein Trugschluss war. Die Bewegungen welche von sich denken sie seien „neu“ und „Zukunftsorientiert“ sind oftmals ebenso darin verhangen sich die Verhältnisse ideologisch zurechtzulegen wie die vorherrschende Ökonomen-Zunft. Wollen wir also hoffen das aktuelle Ausarbeitungen wie die der o.g. Autoren schnell an Beliebtheit unter Ökonomen gewinnen. Nur dann wird es gelingen vermehrt Zufriedenheit in den Ländern zu erzeugen und globale Finanzkrisen welche u.a. auch darauf beruhen zu vermeiden. Das sage ich obwohl die Arbeit u.a. von Kochan (Co-Director am MIT) teilweise die gleichen Fehler begeht und in die Falle tappt. Er benennt nicht Heckscher-Ohlin (die Unterschiede/Ausdifferenzierung) als Problem sondern will es wie viele anderen auch noch verstärken und über verstärktes Ausbilden wohl doch aus einem Hauptschüler ein MIT-Absolventen machen…. oder ihn eben mit Essensmarken abspeisen (typische-Insider/Outsider-Politik) Aber immerhin wird über das Themenfeld gesprochen. Das ist mehr als man von vielen anderen sagen kann.

P.S. Nur weil ich inzwischen darauf angesprochen wurde möchte ich noch abschließend sagen das ich *gerade* gegen eine derartige Politik bin. Man kann nicht hingehen und Almosen an diejenigen verteilen welchen man den Wohlstand vorenthält nur weil man Arbeitsorganisation und Einkommensverteilung nicht in einen Regelkreislauf bekommt. Es geht sehr wohl wie ich es anhand der Lohnsummenausgleichssteuer gezeigt habe.

P.P.S. Inzwischen haben Bloggerkollegen der Ökonomenstimme mehr oder minder festgehalten was nicht ursächlich für die Zunahme der Lohnspreizung der letzten Jahre verantwortlich ist. Das ist ein unterstreichen der (meiner) obigen These des Heckscher-Ohlin-Problems welches aus dem ausdifferenzieren von „arbeitsreichen“ Billiglohn- und kapitalintensiv arbeitenden Hochlohn-Ländern besteht.

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6 Responses to “Essensmarken und HartzIV sind Handelspolitik – Arbeitsplatzeffekte des Handels mit China”
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  1. […] Bedarf an Umlage über die Sozialversicherungssysteme steigt. Das ist m.E. der von mir beschriebene Heckscher-Ohlin Effekt. Der „Skill-Biased Technological Change/SBTC“ kann hinzu treten ist aber imho kein […]

  2. […] und Arbeitslosigkeit im Niedriglohnsektor zu betrachten. Und damit kommen wir zum „Heckscher-Ohlin-Problem“ und einem gewissen […]

  3. […] hat er erkannt das die eigentliche Krise bei den Jobs liegt. Ich komme dabai auch zurück zu den Essensmarken und (oh wunder) auf Heckscher-Ohlin und Samuelson. Wir reden ja in Summa schließlich […]

  4. […] Lieblingsthemen und mein Lieblingswerkzeug dabei ist die Lohnsummenausglaichssteuer welche u.a. das Heckscher-Ohlin/Samuelson-Problem des Niedriglohn-Sektors beseitigen soll welches (aktuell) auf dem Handel mit China beruht. Und die […]

  5. […] Dafür fehlen die Voraussetzungen. Man hätte das was bereits etliche (auch in den USA) herausgefunden haben verinnerlichen müssen, nämlich das die Trade-surplus/Gewinne nur bei einigen ankommt, aber nicht […]



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