Was ist Vollbeschäftigung? – weissgarnix

Thomas Strobl ist ja einmal als VWL-Guru des Netzes bezeichnet worden und sein Blog http://www.weissgarnix.de ist sicher eines oder der bestbesuchte Ökonomenblog in Deutschland. Es macht mir auch immer Spaß die Beiträge dort zu lesen oder auch (dort) zu kommentieren. Zu Recht wird weissgarnix auch von der Süddeutschen Zeitung an erster Stelle in der Liste guter Wirtschaftsblogs genannt. Wobei mich die Erwähnung des logicorum außerordentlich gefreut hat.

In Deutschland ist die amerikanische Tugend übereinander zu schreiben, zu kommentieren was in anderen Blog steht und Themen weiterzuführen (auch einmal Kritik zu üben) noch sehr wenig verbreitet. Ich finde das etwas schade, denn es ist m.E. immer wieder interessant wenn Krugman, De Long und Co. miteinander debattieren. Das muss nicht in Konkurrenz ausarten oder böse gemeint sein sondern können nette Unterhaltungen in der Sache darstellen. Die Blogosphäre hat sich in der letzten Zeit sehr viel mit Werner v. Sinn befasst. Strobl hat sich dabei mehrfach als Apfelplantagenmanager betätigt (zuletzt bei Gibt es nachhaltige Sozialpolitik). In seinem Blogbeitrag Was ist Vollbeschäftigung steht etwas was so nicht ganz richtig ist:

Mann kann es daher drehen und wenden wie man will: aus keynesianischer Sicht war die Agenda 2010 und der Zuwachs an Beschäftigungsverhältnissen bei gleichzeitig stagnierenden/sinkenden Reallöhnen ein voller Erfolg!

Das ist natürlich nicht nur mir aufgefallen. Es wird in den Kommentaren fast augenblicklich gefragt:

Den Zuwachs der Beschäftigungsverhältnisse gibt es aber ich habe kürzlich erst irgendwo gelesen das das Arbeitsvolumen überhaupt nicht oder nur sehr gering angestiegen ist,also gab es keinen Zuwachs.Leider finde ich den Artikel nicht mehr und bei destatis.de werde ich auch nicht fündig.

Dazu Strobl:

Interessanter Hinweis. Diese destatis-Tabelle geht leider nur bis 2003, gerade ab dann wäre es ja spannend….

Aber, aber…. Ihr sucht nur an der falschen Stelle.😉 Das hatte ich bereits vor ein paar Monaten ausführlich behandelt und grafisch aufgearbeitet präsentiert.

Da man manche Dinge nicht oft genug ansprechen kann weil Fakten immer wieder, gerade durch die Politik, gerne falsch wiedergegeben werden möchte ich es hier noch einmal ganz kurz durchgehen und hinterher noch auf den Kern, die „Vollbeschäftigung“ eingehen.

Zuwachs an Beschäftigungsverhältnissen bei gleichzeitig stagnierenden/sinkenden Reallöhnen also. Zuerst der Zuwachs (in Form der Erwerbstätigenquote). Da hat Strobl natürlich recht was den Anstieg angeht:

So weit so gut. Wir haben also „aktivierend“ oder „nach Lohnsenkung“ mehr Personen unter den „Erwerbstätigen“. Es geht schon eher in Richtung der USA.

Vielleicht war Quotex ja auf logicorum als er „irgendwo gelesen“ hat das das Arbeitsvolumen nicht angestiegen sei. Denn ich hatte die gesamtwirtschaftlichen Stundenzahlen aus der jährlichen Statistik des BMAS entnommen und hatte diese mit der Bevölkerungsentwicklung, respektive einem fixen prozentualen Satz an Erwerbstätigen geeicht. Heraus kommt folgende Grafik:

Die Grafik bildet die Stundenzahl ab welche herauskommen würde wenn man alle in Deutschland gearbeiteten Arbeitsstunden durch die (nun prozentual fixe) Anzahl an Beschäftigten teilt. X Arbeitsstunden geteilt durch soundsoviel Arbeitnehmer ergibt Y Arbeitsstunden pro Jahr. Wie man anhand dessen sehen kann ist die Stundenzahl gleich geblieben seit dem Schock nach der Wende welcher für ein niedrigeres Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung (Wohlstandsabsenkung) gesorgt hat. Der kurze zwischenzeitliche Anstieg am Ende dürfte eher der weltweiten Lage als HartzIV zuzuordnen sein. Jedenfalls steht es in keinem Verhältnis zu o.a. Zunahme der Erwerbstätigenquote.

In absoluten Zahlen ausgedrückt sehen die gesamtwirtschaftlichen Arbeitsstunden im übrigen so aus:

1993 58,21Mrd Arbeitsstunden

2007: 57,21Mrd Arbeitsstunden (vor der Krise; der Unterschied zu 1993 ist minimal)

2009 bei 55,98Mrd Arbeitsstunden (in der Krise)

Man kann HartzIV „nur“ eines attestieren. Durch das niedrige Niveau und die fehlenden Mindestlöhne etc. ist man sehr viel besser und schneller durch die Krise gekommen und hat von unflexibleren Nachbarländern profitiert.

Doch nun noch die eigentliche Frage nach den nackten Zahlen oben. Was ist denn nun „Vollbeschäftigung“? Wenn 47% (1960) beschäftigt sind? Oder 43% (1976) oder doch 49% (2009)? Immerhin stellen 6% der Bevölkerung fast 5mio Personen dar. Die Frage hat Strobl bereits für Keynes beantwortet:

Ein Zustand, in dem Arbeitslose sehr wohl bereit wären, für eine Entlohnung in Höhe des Grenzprodukts Arbeit aufzunehmen – aber keine derartige Arbeit finden, weil sie nicht angeboten wird.

Das entscheidende dabei ist aber u.a. die Messung. Da zählen dann eben auch diejenigen dazu welche „zu wenig“ arbeiten aber als „erwerbstätig“ gelten und oftmals Aufstocker sind und nicht nur arbeitslose. Mit der Messmethode müssen all diejenigen ausgesiebt werden welche überhaupt nicht arbeiten wollen – und dafür diejenigen hinzugefügt welche nicht genug Arbeit haben.

Und fast noch entscheidender als dies sind die Umgebungsvariablen. Sie sind zwar nicht relevant wenn es um die Definition geht. Aber sie entscheiden darüber ab wann jemand denn „sehr wohl bereit ist(!) Arbeit aufzunehmen. Unter den Bedingungen in Teilen der ´60er und ´70-Jahren in welchen „Vollbeschäftigung“ geherrscht hat waren die Lohnniveaus höher, da das Angebot an Arbeitsplätzen höher war als das Angebot an Arbeitskraft. Daraus ergibt sich dann für viele Personen das sie sich freiwillig(!) in die Co-abhängigkeit begeben und ihre Arbeitskraft nicht mehr anbieten. Seien das Lebensgefährten, Kinder im Studium u.ä.. Daraus ergibt sich das tatsächliche Vollbeschäftigung nie aus dem Status Quo alleine berechnet werden kann. Zum Zeitpunkt an welchem Vollbeschäftigung herrscht liegt die Anzahl derjenigen welche arbeitet m.E. erheblich(!) unter dem Niveau der Arbeitssuchenden zum Zeitpunkt der Massenarbeitslosigkeit.

 

Ich denke das kann man einmal sacken lassen.

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