Immer etwas mehr als andere besitzen: der Mensch

Ich möchte ganz kurz auf einen Artikel des economist eingehen/wiedergeben bze. eine Studie mit dem Titel „Last Place Aversion: Evidence and Redistributive Implications“.

Kurz zusammengefasst:
Keiner von uns möchte der/die am wenigsten verdienendste (der „letzte“) sein. Das gilt sicher nicht nur für das Einkommen, sondern sicher auch für alle anderen Bereiche wie z.B. der Schule bei den Noten. Das halte ich eigentlich für trivial, ist es aber in den Augen vieler nicht. Da muss man sich nur einmal Diskussionen rund um das BGE ansehen wo die einen davon ausgehen das viele nichts mehr arbeiten würden und andere davon ausgehen das man nur mit dem BGE zufrieden sein wird/solle. Alles nicht richtig, so die Studie. Die größte Aversion gegen den „letzten Platz“ – und auch das ist imho bereits bekannt – hat die Gruppe welche gerade etwas mehr verdient/hat als die letzte Gruppe. Das geht so weit, das wenn man dieser Gruppe Geld in die Hand drückt und sie dieses Geld frei verteilen lässt, das Geld an die Gruppen darüber gegeben wird. Nur nicht an die ärmsten, denn wenn man diesen das Geld gibt kommen diese einem näher und man gerät selbst in die Gefahr zu den am schlechtesten verdienenden zu gehören.

Begonnen hat der Artikel mit einem Erklärungsversuch weshalb Amerikaner so wenig von Steuern halten. Auch kurz zusammengefasst: an Schwarze und Einwanderer wird nicht gerne abgegeben. In Ländern wie Schweden mit geringem Ausländer- und Einwanderer-Anteil, homogenerer Struktur, wäre daher die Akzeptanz hoher Steuern folgerichtig größer. Ich halte das für plausibel – wenn auch für irrational. Ich würde das ganze als „menschlich“ bezeichnen im Sinne von als einem typisch menschlichen Verhalten.

Ich möchte der o.g. Studie aber noch eine ältere vom DIW an die Seite stellen. In selbiger wird herausgestellt das bis zu 60% derjenigen welche Anspruch auf staatliche Hilfen hätten diese nicht in Anspruch nehmen. Das kann natürlich aus verschiedenen Gründen geschehen, z.B. das die Höhe des Anspruches den Aufwand nicht rechtfertigen würde. Aber auch da scheint es sich tendenziell so darzustellen das die Menschen lieber vom Staat unabhängig sind und nicht zu dieser „letzten“ Gruppe, den Transfergeld- Beziehern, gehören möchten.
Das ist Stolz oder um es positiv zu sagen ist es das Bemühen es selbst und besser machen zu wollen, Selbstachtung, Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen (das stellt auch einen Teil der maslowschen Bedürfnispyramiede dar). Diesen psychischen Aspekten, wie auch o.g. „Einwanderer-Aversion“, sollte man schon Rechnung tragen. Nicht das man die Aversionen welche sich in den USA auch auf Schwarze erstreckt gutheißen muss. Aber wer einen funktionierenden wirtschaftlichen Kreislauf und eine Besteuerung aufbauen möchte welche akzeptiert wird sollte sich vor Augen halten das gute Wünsche oder böse Unterstellungen nicht viel am status quo der menschlichen Empfindungen ändern.

Allerdings (und nun zur Bewertung) macht man es sich zu einfach wenn man dies als Begründung für niedrige Steuern her nimmt und hohe Verschuldung damit legitimieren möchte. Wer Notwendigkeiten aus Stolz nicht mehr erkennen kann oder erkennen möchte, der handelt unverantwortlich. Denn aus obigem folgt m.E. schlicht das eine Besteuerung dann nachhaltig und auch niedrig gehalten werden kann wenn möglichst viele welche arbeiten wollen auch eine Arbeit und ein (höheres) Einkommen daraus erhalten können. Wenn Strukturen dazu führen das viele Arbeitslose entstehen und redundante Steuersysteme (wie m.E. Verbrauchssteuern) überhand nehmen installiert werden dann steigen die Quoten. Wobei der psychologische Aspekt von Verbrauchssteuern und versteckten Abgaben natürlich ist, das die Gelder nicht direkt vom Einkommen abgezogen werden. Damit umgeht man die psychische Problematik teilweise und es macht ganz sicher einen Teil des Charmes aus weil „alle das gleiche“ zahlen. Das stimmt zwar ganz und gar nicht und hat und hat negative Effekte auf Lohnhöhen, Kaufkraft, Staatsquoten und Wettbewerbsfähigkeit aber es ist aus genannten Gründen viel leichter durchzusetzen. Beliebtes ad hoc-Beispiel: die Maut.

Was lernen wir daraus? Steuerpolitik ist mehr als zur Hälfte Psychologie. Es geht um Ängste, um diffuses Gerechtigkeitsgefühl, um Selbstwertgefühl, Stolz. Erfolgreich ist wer am Besten damit zu spielen vermag, nicht wer die sinnvollsten Vorschläge macht. Ich schwanke daher etwas ob ich nun „leider“ oder „zum Glück“ sagen soll wenn ich erkläre das Politiker auch nur Menschen sind welche dies oft im Übermaß bedienen…. und dafür gewählt werden. Auch so entstehen die Billionen an Staatsschulden. So schizophren wie die Politik oftmals agiert (zuletzt Rösler), ist auch das wählende Volk. Und so tritt an Stelle des „wir schaffen das“-Gefühls innerhalb der Volkswirtschaft am Ende der Stolz, die Arroganz und der Unwille.

Intelligente, durchsetzbare Steuer- und Abgabenpolitik zu ersinnen und zu vermitteln ist kein Zuckerschlecken. Vermutlich ist es in der heutigen medialen Polit-Welt zu viel verlangt, zumal es oft auf eine rein reagierende Politik hinausläuft. Und so bleibt uns wohl nur die intellektuell unberührte Wohlfühl-Politik Marke Glühbirnenverordnung…..

Nachtrag:
Ich hatte es nicht gleich gefunden, daher setze ich es nun an das Ende. Es gibt eine Studie in welcher folgendes getestet wurde. Man hat jeweils einer Person 100 Geldeinheiten in die Hand gedrückt und ihr die Wahl gelassen wie viel sie behält und wie viel sie abgibt. Man hat jeweils empfangenden Personen die Wahl gelassen um wie viel Geld sie bitten. Das Ergebnis sieht so aus:
http://worthwhile.typepad.com/.a/6a00d83451688169e20148c7764c56970c-pi
Bzw so: http://worthwhile.typepad.com/.a/6a00d83451688169e20148c7764c56970c-pi (Grafik)

Ergebnis war: wer nach 70% gefragt hat bekam mit höherer Wahrscheinlichkeit gar nichts, derjenige der nach nichts gefragt hatte bekam Weniger als derjenige der nach der Hälfte gefragt hatte.
Die Schlussforgerung aus dem ganzen ist das dann wenn die Summe aller Anfragen welche an eine Person gestellt werden über der 50%-Rate liegt die Wahrscheinlichkeit steigt das gar nichts oder zumindest sehr viel weniger als 50% dabei heraus kommen.

Faced with a barrage of requests, a donor’s generosity collapses. People begin screening their calls, throwing requests for funds straight into the recycling bin, or putting the phone down with a single word: „sorry.“

Und auch das ist ein Stück Psychologie welches auf Steuern und „Gerechtigkeitsgefühl“ bezogen einzukalkulieren ist. Das passt ganz gut zu den Aussagen darüber.

Comments
3 Responses to “Immer etwas mehr als andere besitzen: der Mensch”
  1. wow, wieder mal ein herrlicher Artikel,
    „Intelligente, durchsetzbare Steuer- und Abgabenpolitik zu ersinnen und zu vermitteln ist kein Zuckerschlecken. “ er schient mir auch als die Quadratur des Kreise“
    btw. findet man dich irgendwo in G+?

    • aloa5 sagt:

      Hallo TeraEuro,
      danke für das Lob.

      Bei G+ bin ich noch nicht. Ich hatte mir einmal überlegt ob ich mir ein Konto dort anlege, konnte mich aber noch nicht dazu durchringen. „Lohnt“ es sich denn?

      Grüße
      ALOA

      • ich würd sagen, es ist ein Versuch wert, das Konzept verschiedener „Kreise“, in denen man etwas diskutieren kann, hat aus meiner Sicht etwas. Was mich extrem stört, ist die real-name-policy, z.Zt. frag ich mich wie lang ich da noch überlebe.
        Einladung bei Bedarf gern, ansonsten sieht man sich im Getwitter.

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