Pausenkritik – Kabinett Merkel vor der Halbzeit

Vorwort: Achtung, dieser Artikel kann Spuren von Ironie, Sarkasmus und Sardonismus enthalten. Leser mit einer Allergie gegen diese Arten sprachlicher Zerrbilder oder Leser mit fehlendem Ironie-Detektor sollten nicht weiterlesen.

Es ist gute Sitte im kulturellen Feuilleton bei besonderen Theaterstücken zur Pause eine Kurzkritik zu veröffentlichen, bei der sowohl das dramaturgische Konzept als auch die schauspielerische Leistung der Darsteller begut- bzw beschlechtachtet wird und darüber hinaus ein erster Stimmungseindruck des Publikums vermittelt wird.

Beim Blick auf den Kalender wird einem schlagartig bewusst, dass die letzte Bundestagswahl doch tatsächlich schon so fast 2 Jahre her ist und bereits dunkel am Horizont sich die nächsten Bundestagswahlen andeuten. Also ist es Zeit, als Beitrag zum politische Feuilleton das seit fast zwei Jahren aufgeführte Drama zu kritisieren.

Was freuten sich die Laiendarsteller aus der CDU, ihrer bayrischen Schwesterpartei und der F.D.P. am Wahlabend 2009 wie jeck über diesen grandiosen Wahlsieg, der nicht nur von Vielen nicht vorhergesehen wurde, nein eigentlich hatte man sich bereits darauf eingestellt, dass Frau Bundeskanzler Merkel mit den Stonies von der SPD weitermachen würden. Mir gefällt der Gedanke, dass dieser Wahlsieg von Merkel still und heimlich verflucht wurde, denn er bedeutete, die verlässlich-lenkbaren und treu-doofen Sozialdemokraten gegen die lobbytriebigen Jungspunde von den ehemaligen Liberalen einzutauschen.

Aber fangen wir mal ganz am Anfang an. Ende Oktober 2009 präsentierte Frau Bundeskanzler im Stile einer Fußballtrainerin ihre Startaufstellung zusammen mit dem Co-Trainer G.Westerwelle und einem Staatsgast aus dem Freistaat Bayern. Das sah damals so aus:

Schon bei Spielbeginn hatten sich einige Beobachter gewundert, warum der Schauspieler, der bisher die Rolle des Verteidigungsministers spielte, plötzlich sowohl Arbeit als auch Soziales gut interpretieren können sollte. Es wird eines der best gehüteten Geheimnisse der Dramaturgin Merkel bleiben, was sie mit dieser inhaltlichen Fehlbesetzung bezweckte. Dabei war er ja nicht die einzige merkwürdige Besetzung, auch Niebel wird sich wohl des Öfteren selbst gefragt haben, welche Rolle er auf der politischen Bühne eigentlich abgeben soll.

Nach bereits kurzer Zeit hat den Herrn Jung ein Foulspiel aus der letzten Saison sein Amt gekostet und beinahe hatte man den Eindruck, als ob Merkel diesen Jung nur mit Androhung von psychischer Gewalt dazu bringen konnte, freiwillig zu gehen. Mit diesem Ausscheiden wurde der Weg frei für die engagierte Ursula von der Leyen, endlich diesen avisierten Posten zu ergattern und sie wechselte vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (oder kurz nach G. Gas Schröder: Gedöns) ins Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Als Nachfolgerin auf ihren Sessel wurde dann K.Köhler (nicht verwandt mit dem damaligen Bundespräsident Schiedsrichter Köhler) eingewechselt, die kurz danach heiratsbedingt den Namen des Parlamentarischen Staatssekretärs beim Bundesminister des Innern angenommen hat.

Mitte 2010 haben wir dann einen in der Geschichte der Bühne BRD einmaligen Schiedsrichterwechsel gesehen, bei dem weder die Zuschauer noch Herr Köhler selbst wohl so recht verstanden haben, was ihn zu der Selbstdemission veranlasst hatte.

Der nächste Wechsel erfolgte dann Anfang 2011, bei dem der Selbstverteidigungsminister von und auch zu Guttenberg wegen Stellungsfehlern und schwerwiegendem Foulspiel gegen die Fußnoten eines ehemaligen Doktors des Feldes verwiesen wurde. Gerüchten zufolge soll er mit seiner Gattin demnächst in den USA Gastspiel geben. Auf seinen Posten wurde der bisherige Innenminister gesetzt, der den von diesem Lügenbaron angerichteten militärischen Scherbenhaufen aufkehren durfte und sich jetzt im Wesentlichen der Aufgabe widmen dürfte, der Bundeswehr zumindestens eine Resteinsatzfähigkeit zu erhalten. Und dessen Posten im Innenministerium übernahm daraufhin der Quotenbayer Friedrich.

Im Mai 2011 folgte dann der komplizierteste Spielzug Wechsel. Bei der sogenannten liberalen Rochade mit Weinbauernopfer wurde G.Westerwelle sowohl als Dampferkapitän auf der Brücke der F.D.P. als auch als Co-Trainer (=Fitze-Kanzler) von dem bisherigen Doktorminister Rösler abgelöst aber dennoch auf dem Posten als Chef des Außenamtes belassen. Rösler übernahm so zwar die Stellung Westerwelles aber das Ministerium des atom- & weinkundigen Brüderle, der als Kollateralschaden seiner eigenen Indiskretionen aus dem Kabinett entfernt wurde. Platzhalter für Rösler auf dem Gesundheitsministersessel wurde ein Herr Bahr.

Hier nochmal die teilweise komplizierten Wechselspielchen im Überblick:

Nachdem wir nun schön die Genese der derzeitigen Aufstellung aufgearbeitet haben kommen wir zur Einzelkritik der einzelnen Politikimitateure Kabinettsposteninhaber incl der Angabe des politisch-medialen Energielevels.

Im Tor steht als Bundesminister für besondere Aufgaben und gleichzeitig Chef des Bundeskanzleramtes (= so eine Art Türsteher für Merkel), von dem parteiintern gemunkelt wird: „Pofallas Arroganz steht in umgekehrtem Verhältnis zu seiner Management-Fähigkeit“. Dem ist nicht viel mehr hinzuzufügen.

In der eher unauffälligen Abwehr haben wir Justizministerin Frau Leutheusser-Schnarrenberger (manchmal auch Leutberger-Schnarrenheusser genannt) als Reminiszenz an das Kabinett Kohl, für das sie bereit zwischen 1992 und 1996 diese Stellung innehatte. Frau SLS versteht es meisterlich, mit dem Kabinett von Frau Merkel irgendwie so gar nicht in Verbindung gebracht zu werden. Manchmal hat man das Gefühl, dass SLS nur deshalb Ministerin ist, damit man zumindestens eine Teilmenge an Fachwissen in der Regierungsmannschaft findet. Im Großen und Ganzen hält sie sich aus den Hahnenkämpfen heraus, ihr Energielevel ist erfreulich hoch einzuschätzen.

Neben ihr in der Viererkette haben wir Atomprofi und Endlagersuchtruppanführer Röttgen, Verbraucherschützerin und Landwirtin Aigner und Bildungsforscherin Schavan, die sich alle drei geschickt im Hintergrund halten und so zwar keinerlei politische Akzente setzen können aber – und das ist der große Vorteil dieser Taktik – vom Wähler auch nicht als besonders störend wahrgenommen werden. Sie laufen sozusagen energietechnisch auf Sparflamme.

Vor der Abwehr fungiert W.Schäuble als Bundesfinanzminister Libero und verteilt – manchmal nach Gutsherrenart – die Bälle Finanzen an seine Kabinettskollegen. Gerade die Euro-Krise und sein manchmal angeschlagener gesundheitlicher Zustand, der ihn Mitte 2010 zu einer unfreiwilligen Pause zwang, machen ihm zu schaffen. Sein Energiezustand erscheint besorgniserregend niedrig.

Neben ihm im defensiven Mittelfeld haben wir
a) den als gelernten Wahlkämpfer Stürmer aus dem Sturm in den Hintergrund gedrängten Guido W., der so kraftlos wirkt, dass eine Auswechselung bereits als politischer Gnadenakt interpretiert werden könnte, und
b) den Herrn Ramsauer, der so seine Probleme mit dreiziffrigen Abkürzungen wie E10 und S21 hat.

Im zentralen Mittelfeld finden wir die Jungspunde dieses Kabinetts, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite ein Daniel Bahr in der parodistischen Rolle eines Gesundheitsministers, der den neoliberalen Quark seines auf diesem Posten gescheiterten Vorgängers in die Welt posaunt. Auf der anderen Seite der doppelte Neuzugang Schröder, die entkrampft erst Alice Schwarzer als WitzInnenfigur hinstellt, dann mutterglücksbeglückt sich in ihre Babypause verabschiedet, um sich dann mit einem Paukenschlag zurückzumelden und als erste Amtshandlung ihrem kauderwelsch sprechenden Fraktionsvorsitzenden über seinen ungewaschenen Mund fährt.

Auf den Außenpositionen finden wir einen Niebel, der irgendwie einen Auflösungs-Tick hat. Erst wollte er die Agentur für Arbeit sowie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung auflösen, um dann genau den Chefposten des obersten Verschwenders von in der dritten Welt dringend benötigten Fördermitteln zu übernehmen. D.Niebel ist so ein vollkommenes Zerrbild einer Fehlbesetzung, dass man ihn wohl nur als bloßes Mahnmal politischer Inkompetenz und Inkonsequenz auf seinem Posten belässt.

Das weibliche Pendant findet sich in Zensursula. Das Positive an ihr ist: Man kann sich 100%ig darauf verlassen, dass alles, was sie so den lieben langen Tag von sich gibt, Unsinn ist und muss sie nicht sonderlich ernst nehmen. Selbst A.Merkel und W.Schäuble scheinen das so langsam zu merken.

Kommen wir zum nominellen Sturm, der mit Rösler, Friedrich und de Maiziére aber ausschließlich mit Leuten besetzt ist, die ein Eigentor nach dem anderen schießen. Während sich de Maiziére und Friedrich noch wenigstens inhaltlich vergaloppieren schafft es P.Rösler sogar einen vollendeten Eindruck der Arbeitsverweigerung im Wirtschaftsministerium zu erwecken. Es scheint so, als ob er zwischen Parteivorsitz, Machtkampf um die nachhaltige Westerwelle-Entsorgung, Umfragetief, Leitung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie und der Stellvertretung für Frau Bundeskanzler aufgerieben wird und im Moment so gar nichts auf die Reihe bekommt. Was aber nicht unbedingt schlecht ist.

Der derzeitigen Zustand des Kabinetts Merkel II schaut subjektiv wie folgt aus:

Alles in Allem genommen bietet die gegenwärtige Regierung der BRD ein so jämmerliches Bild, dass man sich wünschen würde der Schiedsrichter würde dieses Spiel vorzeitig abpfeifen. Aber dafür müsste der Schiedsrichter eine Pfeife haben und nicht sein. Auf der anderen Seite genügt schon ein kurzer Blick auf die Alternativen von rot-grün-lila, dass man selbst bei einem Speilabbruch nicht allzu sehr auf eine substantielle Besserung hoffen kann.

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One Response to “Pausenkritik – Kabinett Merkel vor der Halbzeit”
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  1. […] Griechenland nahelegt, in die geordnete Insolvenz zu gehen. Zum Glück ist ja P.Rösler seit der liberalen Rochade mit Weinbauernopfer Bundeswirtschaftsminister und verkörpert deshalb von Amts wegen die Sachkompetenz in […]



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