Geldschwemme, Inflation und Monetarismus – zu Fazit-Blog, Bernau, Braunberger und Kantoos

Zuerst hat Patrick Bernau den Artikel Geldschwemme verfasst welches dann Gerald Braunberger und selbiger dann wiederum Kantoos zu Repliken veranlasst hat. Inhaltlich geht es um den Monetarismus, Blasenbildung und Inflation. Ich hatte bereits bei Bernaus Artikel kommentiert und möchte den „spannenden“ Gedanken noch etwas klarer ausführen, denn es ist doch recht komplex.

Führt mehr Geld auf dem Markt zu Inflation? Wann? Trifft Inflation über den Umweg der Börsen und Vermögenswerte im Portemonaie ein?

Ich habe versucht das zu visualisieren, musste aber grafisch vor der Aufgabe die vielen Komponenten grafisch zu erfassen kapitulieren. Trotzdem stellen wir uns nun eine Waage vor. Rechts und links jeweils ein Ballon aus Gummi daran gebunden. Den linken Ballon nennen wir einmal „Realwirtschaft“ und den rechten Ballon nennen wir „Vermögenskreislauf“. Dort sei jeweils an eine Flüssigkeit gebunden „Geld enthalten“. Gummi hat den Vorteil das es dehnbar ist (=Fassungsvermögen). Außerdem besteht eine Verbindung (mit Ventilen) zwischen den Beiden Ballons.

Die Waage hat besondere Eigenschaften. Sie misst Erträge/Zuwächse in Prozentpunkten. Je höher der Ertrag, desto mehr „wiegt“ ein Ballon. Dabei ist es gleichgültig wie viel er ansonsten enthält. „Ertrag“ bedeutet dabei echte(tm) Erträge als auch insbesondere bei Vermögenswerten die Wertzuwächse.

Wenn man sich diese Waage vor Augen hält bekommt man meiner Ansicht nach einen Eindruck davon wie sich Geldströme zwischen der sog. Realwirtschaft und der sog. Finanzwirtschaft bewegen und welchen Einfluss beispielsweise Einkommensungleichheiten und Sparquoten ausüben. Steigt auf einer Seite die Rendite, senkt sich die Waage dort und durch die Verbindung zwischen den Ballons/Seiten fließt zusätzlich zu den normalen Wechseln Kapital von der dann „leichteren“ (=weniger lukrativen) Seite zu der mit höherer Rendite.

Nun kann man sich überlegen was beispielsweise Zentralbank-Politik, z.B. Zinssätze oder auch das ausweiten der Geldmenge etc. für Konsequenzen hat. Wo trifft zusätzliches Geld auf wenn die Waage sich in der einen oder anderen „Schieflage“ befindet? Wird wenig in der Realwirtschaft verdient („leichter“), dann fließt zusätzliches Geld auf die Vermögensseite. Ähnliches wird ein hoher Zinssatz bewirken…. womit wir eine Liquiditätsfalle bildlich dargestellt/beschrieben haben. Als zusätzliche Komponente sei noch genannt das man die Waage noch nationalisieren kann, was dazu führt das Renditen welche durch Investitionen im Ausland erzielt werden gewissermaßen der Seite des Vermögens zugeschlagen werden, da auch sie in Konkurrenz zu Investitionen in der Realwirtschaft im Inland stehen. Dazu scheint auch ganz gut eine aktuelle Untersuchung zu passen welche erklärt das niedrige Gewinnsteuern in einem Land bei multinationalen Konzernen nicht zu höheren Investitionen führt. Wo man Gewinne investiert, ob und und wofür man Kredite aufnimmt hängt davon ab wo höhere zukünftige Renditen erwartet werden.

Und damit zu Inflation und Blasenbildung. Ich halte den Weg der Inflation über die Vermögensseite nicht für relevant was den Umfang angeht. Wenn Gerald Braunberger daher erklärt …das in den Industrienationen der Zusammenhang zwischen Geldmengen und Güterpreisinflation in den vergangenen Jahrzehnten sehr instabil geworden ist…, dann hängt dies u.a. mit dieser Waage zusammen. Auch der von ihm genannte Zusammenhang von Geld und Krediten mit Vermögenspreisinflation ist leicht über die Waage in Zusammenhang mit einer Art Quantitätsgleichung innerhalb des Vermögenskreislaufes gut erklären. Geld was sich auf der Vermögensseite im Ballon befindet wird von dort nicht mehr von alleine heraus kommen – und Kredite wie Geld werden so sie zusätzlich in den Kreislauf gelangen vermehrt dorthin fließen. Um das zu kompensieren verschulden sich manche Staaten, in anderen wirken noch Blasen realwirtschaftlich wie z.B. bei einem Bauboom. Dann wird die realwirtschaftliche Seite kurzzeitig attraktiv, sorgt für weitere Kreditaufnahmen und nach einem platzen der Blase fließt das gesamte Geld, das eingesetzte wie das zusätzliche Kreditgeld (so es geht) wieder auf die Vermögensseite.

Stephan Schulmeister (WIFO/Wien) hat in seiner Ausarbeitung „Die neue Weltwirtschaftskrise – Ursachen, Folgen, Gegenstrategien“ u.a. wie folgt erklärt:

…..Tatsächlich ist die neue Weltwirtschaftskrise das „Endprodukt“ des Wandels von realkapitalistischen zu finanzkapitalistischen Rahmenbedingungen.

Während die Unsicherheit hinsichtlich der Profitabilität von Realinvestitionen (und realwirtschaftlicher Aktivitäten im Allgemeinen) stieg, nahmen gleichzeitig die Spekulationschancen auf den Devisen- und Rohstoffterminmärkten zu.

Als Folge der „Ölpreisschocks“ und damit indirekt der Aufgabe fester Wechselkurse beschleunigte sich die Inflation, Ende der 1970er Jahre begannen die wichtigsten Notenbanken eine extreme Hochzinspolitik zu praktizieren. Seither liegt der Realzins in Europa nahezu permanent über der Wachstumsrate, vor 1980 war er immer niedriger gewesen (Abbildung 23).

Der Übergang zu einem positiven Zins-Wachstums-Differential verschob das unternehmerische Gewinnstreben weiter von der Realkapitalbildung zu Finanzveranlagung und –spekulation. Dies wurde durch den seit den 1980er Jahren anhaltenden Boom von Finanzinnovationen (Derivate) gefördert.

Die wichtigsten Preise wie Wechselkurse, Rohstoffpreise und Aktienkurse wurden destabilisiert, sie schwankten in einer Abfolge von „bull markets“ und „bear markets“ um ihre fundamentalen Gleichgewichtswerte (Abbildungen 16, 17, 19).

Der 1982 einsetzende Aktienboom förderte die Spekulationsfreude, zumal die Umstellung der Pensionssysteme in den USA dem Boom einen „langen Atem“ gab (er dauerte fast 19 Jahre – Abbildungen 1 und 19).
Also sollten auch die „Normalbürger“ ihr Geld arbeiten lassen, insbesondere für das Alter. Überdies zeigten die Banken ihren Kunden, wie das Geld auch für die (relativ) „kleinen Leute“ durch allerlei Finanzinvestitionen arbeiten kann, statt auf Sparbüchern zu ruhen.

In den 1990er Jahren ist daher die Renditeansprüchlichkeit enorm gestiegen: Die Realwirtschaft wuchs in Europa kaum noch, aber das Finanzkapital sollte zumindest 10% abwerfen

Das lässt sich in der Folge auch sehr gut mit der „selbstreferenziellen Vermehrung des Geldes“ (ebenfalls Schulmeister) kombinieren. Der Zufluss von Geld aus Sparquoten und Gewinnen in die Finanzprodukte hielt auch durch die Rentenpolitik, Einkommensspreizung und depressiven Grundstimmungen etc. an. Keynes Mittel aus einer Liquiditätsfalle hinaus ist für eher kleine Schwankungen der Konjunktur gedacht um den realwirtschaftlichen Ballon „schwerer“ zu machen. Doch was, wenn es eine schleichende anhaltende Liquiditätsfalle ist welche niemand bemerkt hat bzw. man das überhaupt nicht als gefährlich sondern als überaus nützlich ansieht wenn in Finanzprodukte investiert wird? Wenn man davon ausgeht – wie viele Klassiker der Ökonomie das zu tun scheinen – das das Geld „irgendwie“ schon wieder in der Realwirtschaft auftrifft stellt dies alles ja kein Problem dar. Und dann droht auch (zwingend) eine Hyperinflation.

Fakt ist aber imho das die Vermögensseite des Ballons immer schwerer und voluminöser geworden ist. Sie ist unheimlich angewachsen und der Zustrom hält aus Ungleichheiten der Einkommensverteilung weiter an, hält den Ertrag an Zugewinnen hoch – und nicht grundlos hält Schulmeister die Hochzinspolitik Ende der 70er ff. für mitursächlich. Hyperinflation droht dann – und da ist das Bild der Waage ganz anschaulich – wenn man versucht das ganze umzukehren. Denn in dem Moment wenn man der Realwirtschaft aufhelfen kann und/oder der Finanzwirtschaft die Renditen „kürzt“ (z.B. indem der Zustrom stoppt) neigt sich die Waage in die Richtung der Realwirtschaft. Bei starker Neigung kann die Realwirtschaft aber nicht den maximal möglichen Geldzufluss aus der Vermögensblase aufnehmen. Bedroht werden wir wenn, dann also von zwei Seiten. Beleibt alles wie es ist wird die nächste Blase womöglich noch schlimmere Folgen haben. Ändert man etwas, was eigentlich zwingend ist, muss man sehr vorsichtig vorgehen da ansonsten die Inflation zu groß wird.

Der Spielball liegt meines Erachtens auf der Seite der Politik, bei der fiskalischen Neuordnung. Wenn diese greift würde den Notenbanken obliegen die Inflation einzugrenzen. Und das ohne ein gesundes Maß an Preisanstiegen zu unterbinden und ohne durch z.B. zu hohe Zinsen die Renditen wieder zu ungunsten der Realwirtschaft und dafür zu gunsten der Finanzprodukte zu verschieben. Die Paarung niedrige Zinsen und höhere Mindestreserven wäre denkbar.

Ein langer Blogpost für einen besinnlichen ersten Weihnachtsfeiertag. Letzteren wünsche ich allen Lesern von Herzen!

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