was sind 9 Euro pro Arbeitsstunde wert?

Eine nicht ganz so einfach zu beantwortende Frage auch hinsichtlich der Vergleiche wenn darüber gesprochen wird das Deutschland Lohndumping gegenüber anderen (Nachbar)Staaten betreiben würde. Eigentlich sind Bruttolohn-Angaben schon national eher wenig sinnvoll, denn 9 Euro sind für einen Verdiener im 400-Euro-Job beispielsweise eben 9 Euro Netto und für den Normalverdiener im SV-pflichtigen Bereich sind es (1557 Brutto/1113Netto – 40h/Woche) 6,43 Euro Netto. Und was diese 6,43 Euro Nettolohn pro Stunde an Kaufkraft wert sind ist zwischen München und einer Stadt in Mecklenburg-Vorpommern schon völlig verschieden.

Nun wurde für Zeitarbeiter entschieden das der Mindestlohn auf 7,89 Euro (West) bzw. 7,01 Euro (Ost) steigen bzw. festgelegt werden soll. Zwei Bundesländer wollen eine Bundesratsinitiative für generell 8,50 Euro Mindestlohn starten.
Man ist bei solchen Regelungen versucht mit anderen Ländern zu vergleichen. Das sind jedoch regelmäßig Äpfel und Birnen, da Abzüge für Arbeitnehmer und Zuschläge bei Arbeitgebern sowie Arbeitszeiten und Kaufkraft-Unterschiede nicht berücksichtigt werden. Ich werde das einmal anhand zweier Nachbarländer welche „hohe“ Mindestlöhne besitzen darstellen: Niederlande und Frankreich. Diese nehmen nach Luxemburg auch die Plätze 2 und 3 in der Mindestlohn/h-Datenbank ein.

Mindestlohn NL: 8,74 Euro
Mindestlohn F: 9 Euro (1/2011)

Wenn man „Mindestlohn Frankreich“ und „Mindestlohn Niederlande“ bei Google eingibt wird man vielleicht überrascht sein das man Monatslöhne vorfindet und dort nicht der Franzose den höheren Mindestlohn erhält. EIn Franzose erhält 1365 Euro Mindestlohn, der Niederländer 1435,20 Euro. Das ist leicht erklärbar, denn in Frankreich wird der SMIC nur ausgezahlt wenn man nach oben hin gedeckelt 35h (also nicht mehr) pro Woche arbeitet, während der Google-Wert für die Niederlande auf einer 38h-Woche basiert. Boeckler rechnet mit 37,5h und kommt wieder auf einen anderen Wert und womöglich wäre eine 40h-Woche für Deutschland „passend“. Wir halten hier jedoch fest, das in Frankreich ein Mindestlohn faktisch bei 1365 Euro Brutto pro Monat liegt. Auf den belgischen Teiler den Google verwendet (die 38h-Woche) wäre das nur noch ein Mindestlohn von 8,27 Euro. Schon da gibt es eine Diskrepanz bei einem Bruttolohn-Vergleich welche bei rd. 10% Unterschied liegt.

Nun etwas zu den Abzügen bzw. Zuschlägen für Arbeitgeber.
In den Niederlanden werden die Sozialabgaben fast völlig von den Arbeitnehmern getragen, während die Steuer gestaffelt ist. Die Abzüge zur Sozialversicherung werden zu 38,9% vom Arbeitnehmer getragen bis zu einem Bruttolohn von 33.436 €/Jahr. Der Arbeitgeber zahlt noch etwas über 9,3% an Arbeitslosen- und Erwerbsminderungsabgaben. Steuern fallen bis zu einem Brutto von 18.628 Euro/Jahr nicht an, also auch nicht für den Mindestlohn. Man kann der Vollständigkeit halber noch feststellen das die Belastung des Gesamt-Bruttolohnes in NL relativ hoch ist und auch nur wenig Unterschiede enthalten sind. Bei Beträgen über 33.436 Euro (das ist die Beitragsbemessungsgrenze in NL) fallen erst 42% Steuern und später 52% Steuern an, während man auch als wenig verdienender nicht unter 40% aus Summe von Steuern und Abgaben fällt.

Ein Brutto-Mindestlohn in NL von 8,74 Euro entspricht damit einem Nettolohn in Höhe von 5,34 Euro. Nimmt man den Wert der 38h-Woche von 1435,20 Euro Brutto entspricht das einem Nettolohn von 876,90 Euro. Ein entsprechender Arbeitnehmer kostet den Niederländischen Arbeitgeber grob 9,55 Euro (also 8,74+9,3%).

In Frankreich gilt wie ausgeführt der SMIC. Die Abgaben inkl. Steuern für den Mindestlohn betragen dabei etwa 23%. Das Abgabensystem ist nicht sonderlich übersichtlich. Die Steuer sollte bei etwa 80 Euro liegen (bis etwa 5900p.a. 0%, dann bis knapp 12000 dann 5,5% ab dann bius 24k 14% usw.). Per Hand überschlagen/gerechnet bin ich auf etwa 18% SV (245 Euro) gekommen was insgesamt einen Nettolohn von 1040 Euro ergeben würde. Auf 152h gerechnet sind das 6,84 Euro Netto.

Das Zwischenergebnis NL/F liegt damit bei 5,34 Euro zu 6,84 Euro Netto pro Stunde, wobei das letztere auf 1040 Euro/Monat gedeckelt ist.

Nun beachten wir noch die Kaufkraft-Unterschiede welche bei destatis gelistet sind und eichen das Zwischenergebnis einmal. Das ergibt folgendes Bild

Niederlande: 5,34 x 0,97 = 5,18 Euro ( x 165h/Monat = 854,70 Euro Netto-Mindestlohn)
Frankreich: 6,84 x 0,87 = 5,97 Euro ( x 152h/Monat = 907,44 Euro Netto-Mindest/Maximallohn)

Da kommt der französische Arbeitnehmer besser weg. Er hat etwa 50 Euro höhere Kaufkraft bei 3h geringerer Wochenarbeitszeit. Man darf aber nicht übersehen das der ML in NL nur an etwa 2-3% aller Arbeitnehmer gezahlt wird, in Frankreich sind es mehr als 12% (etwa 15%) der Beschäftigten. Dies ist sicherlich auch der Beschäftigungslage geschuldet. Bei rd. 8- 9% Arbeitslosen in Frankreich gegen 4% und darunter in den Niederlanden ist der Lohndruck in Frankreich ungleich höher. Der Mindestlohn liegt künstlich weit über dem Marktniveau, während in den Niederlanden der Mindestlohn praktisch keine Rolle spielt.
Und nun machen wir – für Deutschland – einmal die Rückwärts-Rechnung für den Lohn der Niederlande. Um auf 854,70 Euro Kaufkraft (in Berlin) zu kommen benötigt man hierzulande etwa 1.115 Euro Bruttolohn. Das sind auf 38h gerechnet 6,75 Euro.

Zwischenfazit: 8,74 Euro Brutto in den Niederlanden entsprechen grob 6,75 Euro Brutto in Deutschland (Berlin).

Nun noch kurz ein Wort zu den Lohnkosten. In Frankreich werden noch einmal etwa 25-30% Lohnzusatzkosten für Arbeitgeber fällig, in Deutschland sind es auch etwa 20%, in den Niederlanden wie dargestellt etwa 11,70 Euro. Die günstigste Mindestlohn-Stunde kostet in Frankreich damit knapp 12 Euro, in den Niederlanden 9,50 Euro und der auf der Netto-Kaufkraft basierende Brutto-Vergleichslohn zu den Niederlanden kostet den Arbeitgeber in Deutschland etwa 8,10 Euro. Er steht damit etwa 15% günstiger als der Niederländer da. Der Vergleich zum französischen Arbeitgeber hinkt etwas. Nehmen wir dazu 1200 Brutto um auf das entsprechende Netto zu kommen und erlauben dem Deutschen Arbeitnehmer 38h/Woche zu arbeiten kommt man auf 7,27 Euro Brutto und Kosten in Höhe von etwa 8,30 Euro. Das liegt trotzdem noch rd. 30% unter den Kosten eines französischen Arbeitgebers bei gleicher Nettolohn-Kaufkraft.

Mit 7,89 Euro (West) und 7,01 Euro (Ost) liegt man damit Netto und unter Beachtung der Kaufkraft ein gutes Stück sowohl über dem Mindestlohn in den Niederlanden als auch in Frankreich. Das möchte ich hier einmal betonen, da diese Beispiele ob des hohen Bruttolohn-Wertes des öfteren als zu erreichende Zielmarke genannt werden. Wenn es darum geht wäre die Zielmarke bereits überschritten.

Auch heute wieder habe ich in einem Econ-Format gelesen wie wir Deutsche das europ. Ausland gedumpt haben sollen mit unseren Löhnen und durch den Euro. Auch wenn ich das teilweise auch schon getan habe möchte ich an dieser Stelle eine Differenzierung anbringen. Denn ganz so stimmt das eigentlich nicht. Ich hatte das mit den fehlenden Währungs-Aufwertungen mit der inliegenden Verteilungsfunktion (Kaufkraftgewinn für alle) schon einmal ausführlicher beschrieben. HartzIV mag/hat sicher auch einen Anteil daran gehabt das Löhne Brutto(!) nicht sonderlich gestiegen sind. Das Hauptproblem für andere Länder war meines Erachtens aber eher das wir nicht mehr gekauft haben weil eben die Aufwertung gefehlt hat. Das mit den stagnierenden Brutto-Löhnen bei unteren Lohngruppen hätte ja m.E. (so auch die ML-Befürworter) hauptsächlich für den Binnenmarkt einen Effekte (…oder etwa doch nicht nur?…). Letztlich ist es aber doch einfach so das der Verteilungsmechanismus eines Export-Erfolges ohne Aufwertungen der Währung noch schlechter funktioniert/e als davor schon. Wir betreiben „beggar my neighbour“ nicht indem wir zu billig herstellen sondern hauptsächlich weil wir zu wenig kaufen. Jährlich um bis zu 200Mrd Export-Überschüsse durch Käufe (Importe) neutralisiert wäre kumuliert eine ansehnliche Konjunkturspritze für das Ausland – auch im Euro-Raum – gewesen.

Fazit: ich hatte schon mehrfach hier im Blog Kritik an Mindestlohn-Praktiken und auch an merkwürdigen Studien und Vergleichen geübt. Und dies meines Erachtens auch zu recht wie man anhand der obigen Beispiele von zwei der „Top drei“ europäischen Mindestlohn-Ländern sehen kann. Also Vorsicht mit derlei Vergleichen. Bessere Lösungsansätze als ineffiziente Mindestlohn-Regelungen und schiefe Vergleiche habe ich bereits hier vorgestellt.

Comments
4 Responses to “was sind 9 Euro pro Arbeitsstunde wert?”
  1. Sebastian sagt:

    Guter Beiträg, gefällt mir🙂

  2. Peter sagt:

    Da reicht mir einmal kurz google.fr für ne Beispielrechnung,
    http://www.les-horaires.fr/pratique/smic-horaire.php

    Aber vielen Dank für die Milchmädchenrechnungen.

    • aloa5 sagt:

      Vielen Dank für den Link.
      Es ist nicht immer einfach ein ausländisches Sozial- und Steuersystem völlig korrekt nachzuvollziehen. Das es in Frankreich unübersichtlich ist und ich mit überschlagenen Werten gerechnet habe hatte ich bereits im Text angemerkt. Anstelle der 6,84 Euro in Frankreich treten also 7,06 Euro bzw. anstelle der Deckelung bei 1040 Euro Nettolohn treten 1070,76.

      An der Kernaussage ändert dies jedoch nichts.

      Grüße
      ALOA

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