Griechenland – wie geht´s weiter?

Ein weiterer Schicksalstag

Und wieder mal können wir einen nächsten Schicksalstag für Griechenland erleben. Die mit Spannung erwartete Abstimmung im griechischen Parlamente über den neuesten Rettungsplan bzw die Vorbedingungen der Troika für einen neuen Rettungsplan in Form noch gravierenderer Sparbeschlüsse soll um Mitternacht als namentliche Abstimmung stattfinden.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir hier eine wirkliche Überraschung erleben werden. Die Mehrheitsverhältnisse im gegenwärtigen Parlament mit 251 Abgeordneten der Koalition der Willigen aus den beiden Parteien PASOK (panhellenische sozialistische Bewegung) und ND (konservative Neudemokraten) gegen 49 Abgeordnete der „Unwilligen“ von Kommunisten (KKE), konvervativem Volksbund (LAOS) und dem Bund der radikalen Linken (SYRIZA) sollten ausreichen, um dem Spardiktat von EU, IWF und EZB zu einem nächtlichen Sieg zu verhelfen.

Insgesamt hält sich also die Spannung heute Nacht arg in Grenzen. Viel interessater ist es, was in den kommenden Tagen im griechisch-europäischem Drama geboten wird. Deshalb wagen wir mal einen klitzekleinen Ausblick auf die nahe Zukunft und schauen mal, was für Alternativen sich überhaupt noch für Griechenland und das Eurosystem bieten.

Das Schöne ist, dass wir – anders als bei den bisherigen krisenhaften Situationen um die sogenannte Staatsschuldenkrise Griechenlands – ein fixes Datum haben, bis zu dem irgendeine Entscheidung, wie auch immer, getroffen werden muss. Dieses Datum ist der 20. März 2012, denn dann wird die nächste griechische Staatsanleihe fällig. Griechenland muss 14,5 Mrd € an die Anleihenbesitzer zurückzahlen und gleichzeitig den letzten Zinskupon in Höhe von 4,3% einlösen, also insgesamt eine Summe von 15,1 Mrd € aufbringen.

Ist ist relativ müßig hier nochmal explizit darauf hinzuweisen, dass Griechenland stand heute dieses Geld einfach mal aus eigenen Mitteln vertragsgemäß nicht aufbringen kann. Also müsste entweder jemand anderes diese Summe aufbringen oder aber die Gläubiger verzichten oder stunden die Zahlung oder Griechenland setzt entweder den Schuldvertrag aus oder beschafft sich sonstwie das Geld.

Es ist relativ unwahrscheinlich, dass es das Quintett (=Troika + Griechenland + Bankeninteressenverband IIF) auf einen Show-Down ankommen lassen wird und tatsächlich am 20. März die Zahlungsunfähigkeit verkündet, immerhin sind noch genug Wochen vorhanden, den bereits angeblich auf der Zielgrade befindlichen Schuldenschnitt zu besiegeln oder bilateral weitere Kreditgelder zu vereinbaren.

Das Leiden Hellas

Das Tragische ist dann jedoch, dass weiterhin eigentlich die falsche Krankheit behandelt wird bzw gar nicht die wirklichen Ursachen der griechischen Eurokrise angegangen werden, sondern wieder einmal durch Kreditkniffe in alter politischer Tradition Zeit teuer erkauft wird. Das tieferliegende Problem Griechenlands ist relativ schnell erklärt, wenn man sich den Aufbau der Staatsverschuldung in den letzten Jahren anschaut:

4.Quartal 2009: 263,1 Mrd €
3. Quartal 2011: 347,2 Mrd €

Das heißt, dass Griechenland in den 2,75 Jahren 84,1 Mrd € neue zusätzliche Schulden angehäuft hat, also gut 30 Mrd € pro Jahr bzw 2,5 Mrd € pro Monat. Interessaterweise deckt sich diese Zahl so ziemlich mit dem Leistungsbilanzsaldo Griechenlands, dass im Jahr 2010 insgesamt -33 Mrd € betrug.

Der bisherige Plan war, zu Sparen – also über Minderausgaben die Lücke zwischen Staatseinnahmen und Staatsausgaben zu schließen. Das hat bislang nur rudimentär funktioniert, weil am falschen Ende angesetzt wurde. Nicht der Staatshaushalt ist das griechische Problem, sondern die Wirtschaftsleistung. Unsere Bundeskanzler A.Merkel spricht ja gerne von der sogenannten Staatsschuldenkrise und der Begriff der Eurokrise gehört irgendwie immer noch nicht zu ihrem Duktus.😉

Dennoch sollte es ihr als gelernte Wissenschaftlerin eigentlich nicht schwer fallen, zu erkennen, dass hinter der plakativen Staatsschuld die grundlegende Leistungsfähigkeit der griechischen Volkswirtschaft steht und dass es mit dieser nicht weit her ist, denn faktisch verbraucht jeder griechische Bürger jeden Monat 250 €, dass nicht in der griechischen Volkswirtschaft erwirtschaftet sondern als Neuschulden von ausländischen Geldgebern geliehen wurde. Aber eine solche Erkenntnis wäre fatal für die einig Euroretter, denn dann müsste man sich mal damit beschäftigen, warum denn eigentlich die griechische Volkswirtschaft ohne Auslandsalimente nicht funktioniert hat und auch weiterhin nicht funktionieren kann. Im Prinzip geht es um die Frage, wie man es schafft, das Leistungsdefizit von 33 Mrd € auszugleichen.

Eine Reduzierung der Staatsschulden durch den angedachten Schuldenschnitt um 100 bis 130 Mrd € bringt bei einer mittleren Verzinsung von 4,5% schon mal 5 Mrd € in der Kapitalbilanz – also grundsätzlich ist das ein sinnvoller Schritt. Aber selbst eine komplette Schuldenbefreiung von den 347,2 Mrd € würde nur 15,6 Mrd € einbringen. Die restlichen knapp 28 Mrd € pro Jahr müssten zusätzlich erwirtschaftet werden – bei einem BIP von jetzt noch 217,8 Mrd € würde dieses einen Leistungsschub von 13% bedeuten. Geht man von einem Lohnanteil von knapp 50% an der Wirtschaftsleistung aus, dann müssten demzufolge die Löhne und Gehälter um knapp 25% fallen, um diese Leistungslücke zu schließen.

Interessanterweise deckt sich diese kurze Trivialberechnung mit der Forderung der Troika, die privaten Löhne per Gesetz um 22% zu senken.😉

Das, was hier in dieser rein mathematischen Betrachtung vergessen wurde ist, dass verminderte Löhne erstens den Lebensstandard senken und zweitens das Bruttoinlandsprodukt senkt, also faktisch keinen Leistungsboom auslöst, sondern den privaten inländischen Konsum abwürgt und somit letztendlich eine volkswirtschaftliche Abwärtsspirale in Gang setzt. Am Ende werden die selbsternannten Euroretter wahrscheinlich erkennen müssen, dass dieser brüningsche Weg nur noch weiter in die finanzielle Sackgasse führt.

Exkurs: Brüning

Schlimmer noch: Brüning hatte mit seiner Spar-Politik wenigstens noch ein erreichbares Ziel – nämlich den Siegermächten des 1.Weltkrieges zu beweisen, dass das Deutsche Reich unmöglich die Wahnsinnssumme von 2 Mrd Goldmark an Reparationen jährlich bei einem Reichshaushalt von 10,6 Mrd RM im Jahr 1931 stemmen kann, immerhin entsprach die Summe der zu leistenden Reparationen einem Etat-Anteil von kanpp 20%. Letzten Endes hatte Brüning dennoch wenige Tage nach seinem Rücktritt sein Zeil erreicht – die Reparationen wurden 1932 aufgehoben.

Die Frage ist, was die heutigen Nacheifrer Brünings beweisen wollen?

Lange Rede – kurzer Sinn. Dieser Brüning-Weg wird nicht funktionieren.

Alternativen

Gerne bemühen sich ja die Euro-Politiker darin, ihren eingeschlagenen Weg als alternativlos hinzustellen: Ein Staatsbankrott würde unverstellbare Risiken und dramatische Folgen haben, muss man dann immer wieder lesen. Bestenfalls kann man bei diesen Leuten eine mangelnde Phantasiebegabung oder eine fehlende geschichtliche Lernfähigkeit aus der Argentinien-Krise diagnostizieren, eher wahrscheinlich ist, dass die Euro-Blockflöten die Bevölkerung für Blöd verkaufen wollen.

Alternative 1 – Der Argentinien-Weg

Hier mal ein ganz kurze Darstellung der Argentinien-Krise: Ein überbewerteter Peso führte zu Leistungsbilanzdefiziten und einer sich ausufernden Staatsverschuldung. Die Lösung bestand in der der Abwertung der Währung von 1:1-Dollarparität auf einen Kurs von 1:3 und einem umfangreichen Schuldenschnitt. Im Ergebnis war Argentinien innerhalb kürzester Zeiut wieder wettbewerbsfähig und verzeichnete einen wirtschaftlichen Boom.

Auf das heutige Griechenland übertragen, würde es bedeuten, das Land steigt aus dem Eurosystem aus, führt eine eigenständige Währung ein, wertet diese ab und verhängt/verhandelt einen Schuldenschnitt. Nix mit hochdramatisch oder unvorstellbar – sondern relativ simpel und absolut erfolgswirksam.

Da aber das Eurosystem ein hochpolitisches Projekt darstellt, das nicht scheitern darf, sollte man den Euro-Politikern eine goldene Brücke bauen. das könnte dann so aussehen, dass Griechenland formal im Euroraum verbleibt und parallel zum Euro eine abwertungsfähige Komplementärwährung namens Phönix einführt, einen Schuldenschnitt verhandelt und die ins Ausland geretteten Euro der betuchten Griechen zurückholt.

Alternative 2 – Die dauernde Alimentierung

Auch möglich wäre, dass sich die Eurostaaten entscheiden, den Verbleib Griechenlands im Euroraum zu alimentieren. Hierzu wird analog zu dem bundesrepublikanischen Länderfinanzausgleich ein europäischer Staatsfinanzausgleich eingerichtet, in den die Exportwirtschaftsstaaten mit positivem Leistungsbilanzsaldo einzahlen und damit die Importwirtschaftsstaaten finanzieren. Das würde whrscheinlich die Änderung der EU-Verträge bedeuten und für insbesondere die BRD teuer werden, ist jedoch technisch machbar – aber sicher nicht politisch, da selbst in der eher beschaulichen BRD bereits die Geberländer immer über den Länderfinanzausgleich jammern. Im europäischen Rahmen mit den gravierenderen Leistungsunterschieden würde der Widerstand gegen die Alimentelösung ungleich größer, besonders da dann auch noch nationale Ressentiments die Stimmung anheizen und vergiften würden.

So oder so – es bleibt spannend😉

Comments
One Response to “Griechenland – wie geht´s weiter?”
  1. PotzBlitzDonner sagt:

    Hallo Andena17,

    wäre vielleicht auch noch eine 3. Alternative denkbar in dem der Mehrwertsteuersatz gestaffelt wird, dabei werden Güter die in erster Linie Importiert werden (z.B. Autos) weit stärker besteuert und Güter die zu meist aus Griechenland selber kommen eben mit einem viel niedrigeren Mehrwertsteuersatz versehen. Ich denke da auch speziell an Dienstleistungen wie den Fremdenverkehr der ja sozusagen „Devisen“ ins Land bringt.

    Gruß PotzBlitzDonner

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