Weshalb benötigen Staaten nun Sparmaßnahmen? Zu Staatsschulden und Verzicht in Europa

Im Fazit-Blog der FAZ hat Gerald Braunberger einen Artikel zur „Austeritätspolitik in Europa“ geschrieben welcher mich dazu animiert einiges einmal kritisch zu beleuchten. Dabei werden Neoklassiker ebenso kritisiert wie Keynesianer u.a.. Es geht dabei in die vollen. Gut aufpassen, denn das sind m.E. am Ende „Big Points“ was Kritik an der Zunft der Ökonomen angeht.
Grundsätzlich schreibt Braunberger viel richtiges, beschreibt journalistisch wie viele denken. Und es ist natürlich auch unfair sich Dinge herauszusuchen welche man kritisiert. Allerdings ist es m.E. hier auch weniger Kritik an ihm als an dem von ihm berichteten.

Alle Teilnehmer an der Debatte sehen angesichts alternder Gesellschaften, steigender Gesundheitsausgaben …. die Notwendigkeit, die Staatsschulden mittelfristig in den Griff zu bekommen.

Wegen steigender Gesundheitsausgaben also muss man Staatsschulden in den Griff bekommen. Bei dieser Begründung kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Natürlich steigen die Gesundheitsausgaben. Im Jahre 1960 wurde noch 3% des BIP in diesem Sektor erwirtschaftet und waren 3% der Beschäftigten dort (oder dafür) tätig. Aktuell sind es in Deutschland jeweils rd. 12% welche medizinisch/pflegend tätig sind oder z.B. dort genutzte Gerätschaften herstellen (Betten, Computertomographen etc.). Aber was hat das denn nun mit der Staatsverschuldung zu tun, sind gar diese +9%für selbige verantwortlich?

Die Antwort darauf bleibt der Blogeintrag der FAZ schuldig, das ganze wird im weiteren Text nicht einmal mehr erwähnt. Ich gebe sie hier: eigentlich überhaupt nichts*. Wenn ich jedoch sagen würde das ich mit nicht vorstellen kann was Braunberger geritten hat das zu schreiben wäre das auch nur die halbe Wahrheit. Ich komme später noch einmal darauf zurück. (*“Nichts“ ist in der Ökonomie immer relativ, da alles miteinander zusammenhängt)

Ich sortiere für die Erklärung der Grundproblematiken einmal drei Gruppen/Verhältnisse

A) tradables / non tradables (handelbares vs. nicht handelbares)

Ein Auto ist handelbar/exportierbar („tradable“) während eine Pflegeleistung oder auch Bauleistung dies nicht ist. Arbeiten viele während einer Immobilienblase auf Kreditgeldbasis brummt der Wachstumsmotor. Es steigen auch die Löhne, die Löhne der non-tradables (hier: Export-/ Importgüter) aber i.d.R. ebenso. Hält dort die Produktivität nicht mit gibt es Schwierigkeiten mit dem Absatz im In- und Ausland. Den zugehörigen Blogbeitrag zu den „falschen Lohnerhöhungen“ könnte man also ebensogut mit „falsche Staatsintervention/Invesititionen“ schreiben. Denn wenn sich der Staat darin versucht mit monetären Interventionen aus einer Krise zu bringen muss er sehen worin das ursprüngliche Problem liegt. Das Ergebnis sieht für ein Land mit Handelsüberschuss und Euro m.E. anders aus als für eines mit Defizit oder dem Land mit ausgeglichener Bilanz und eigener Währung.

Wir Deutsche könnten uns (als Land mit Exportüberschüssen) z.B. gut eine „Pflegeoffensive“ leisten. Das hätte höhere Ausgaben im Pflegesektor, mehr Beschäftigung und BIP, steigende Löhne (als Nebeneffekt) auch im Exportsektor zur Folge. Mehr Importe wären die Folge da mehr verdient und ausgegeben wird (über den Importanteil in den Produkten) u.U. auch geringere Exporte (durch höhere Löhne dort). Das hätte auch positive Auswirkungen auf die Nachbarländer/Weltwirtschaft.
-> In einem Land wie Spanien wäre dieses Vorgehen zum Zwecke des ankurbelns der Wirtschaft jedoch fatal. Letztenendes ist eben dies bei der Immobilienblase dort geschehen, nur nicht staatlich induziert sondern privatwirtschaftlich.

B) Realwirtschaft / Vermögenswirtschaft — Liquiditätsfalle

Der Bäcker kauft für 10 Euro beim Metzger, dieser für 10 Euro beim Bäcker ein. Das BIP beträgt damit 20 Euro. Man schaut darauf wie viele Geldmünzen es gibt, sagen wir es gäbe 10 Euro, und hat damit eine „Umlaufgeschwindigkeit“. Das Preisniveau beträgt 1. Es ergibt sich diese Gleichung (Quantitätsgleichung) :

Geldmenge x Umlaufgeschwindigkeit = Preisniveau x BIP [Eingesetzt also 10 x 2 = 1 x 20 ]

Das ist also die realwirtschaftliche Gleichung. Ich sage das gleiche gibt es in der „Vermögenswirtschaft“ analog in etwa ebenso, nur das das „BIP“ dabei wegfällt.

Geldmenge x Umlaufgeschwindigkeit = Preisniveau

Bei Keynes ist die Begründung der Liquiditätsfalle, also der Punkt an welchem Unterauslastung herrscht, kein Bedarf an Investitionen besteht eine etwas darunter liegende – die „Zukunftserwartung“. Machen wir „schlechte Renditeerwartung“ daraus und stellen dieser realwirtschaftlichen Renditeerwartung (welche sich aus der ersten Quantitätsgleichung ergibt) die vermögenswirtschaftliche gegenüber welche sich aus dem steigenden „Preisniveau“ ergibt. Einfach: wirft Gold 8% Gewinnerwartung ab und stagniert die Realwirtschaft steigt die Geldmenge für den Vermögenskreislauf und sinkt in der Realwirtschaft. Zusätzlich steigt der sog. „Renditehunger“ in der Realwirtschaft denn Gold wirft ja nun 8% ab (da muss man hin). Erfüllt man diese Erwartung wird mehr Geld aus der Realwirtschaft (über die Sparquote der Anleger) in dieses dann Runde für Runde neu beginnende Spiel eingebracht. Keynes durchbricht dies (für seine weniger generelle Annahme) durch Staatsintervention mit dessen Hilfe er die Auslastung und die Renditen der Realwirtschaft erhöht, was die Gelder wieder zurückfließen lassen soll.

Das funktioniert nicht immer. Der grundsätzliche Verteilungsmechanismus der Einkommen muss stimmig sein und z.B. das davor genannte (tradables vs non tradables) muss beachtet werden (u. weiteres). Keynes Modell funktioniert damit für eine Durststrecke welche durch eine Konjunkturzyklus-Schwankung verursacht wurde.

–> Wir jedoch haben imho seit Jahren /Jahrzehnten eine schleichende Investitionsfalle. Schulmeister rechnet ab den 80ern, begonnen bei Änderungen in den Pensionsfonds in den USA und der Öffnung der Börsen für Otto-Normalanleger. Dem ist man nicht (nur) durch Staatskredite sondern auch durch „einfaches“ nachdrücken von Kreditgeldern begegnet. Mehr Geld in der Realwirtschaft hat das Auslastungs-Niveau dort einigermaßen gehalten, obwohl der Abfluss (durch Spargelder) in die Vermögenswirtschaft ungebrochen höher war als der Rückfluss von dort. Ist also (per Saldo) ein Euro von der Realwirtschaft in die Vermögenswirtschaft abgeflossen wurde 1 Euro in die Realwirtschaft gepumpt.

-> In der Folge wächst die Blasenwahrscheinlichkeit und -größe sowie die Gefahr einer Inflation bei schlagartigem zurückfließen.

Näheres zur selbstreferenziellen Vermehrung des Geldes auch im zugehörigen Blogartikel.


C) Staat, Staatsquote, Staatsschulden

Der Multiplikatoreffekt sowie die Nachhaltigkeit von (neuen) Staatsschulden ergibt sich m.E. aus den in A) und B) genannten Punkten. Darunter auch die Überlegung das die „Investitionswelle“ (oder auch Kreditwelle) in Spanien global durchaus im Sinne von Keynes zur Durchbrechung des latent vorhandenen Gleichgewichtes bei Unterbeschäftigung und der Liquiditätsfalle verholfen hatte… aber eben nur kurzfristig. Für eine Nachhaltigkeit hätte „Deutschland“ (nicht als Staat, aber ordnungspolitisch initiiert) jedoch vermutlich schlicht mehr für non-tradables ausgeben müssen (also mehr für den eigenen Wohlstand). Wenn der eine auch bei höheren Erträgen nur immer weiter spart während der andere ausgibt verschärft sich das Problem.

Noch etwas zu Braunbergers Artikel:

Für Länder mit guter Bonität ist folgendes Muster denkbar: Kürzungen von Staatsausgaben werden im Falle einer voraussichtlich kurzen Rezession zunächst das BIP etwas drücken, längerfristig aber die Staatsverschuldung reduzieren, weil die Wirtschaft über niedrigere Zinsen stimuliert wird.

Folgt man dieser Logik wären Länder mit niedrigen Staatsquoten weniger verschuldet. Dagegen gibt es drei gute Argumente.
1) Wie bereits bekannt sein dürfte und Schulmeister auch geschrieben hat ist die Schuldenkrise u.a. durch eben solche „niedrigen Zinsen welche die Wirtschaft stimuliert“ entstanden.

2) Niedrige Zinsen bedeuten nicht das in der Realwirtschaft und/oder Nachhaltig investiert wird durch die privaten. Das kann auch in die Vermögenswirtschaft laufen…. ergibt dann 0%-Zinsen und das durchnummerieren der QE-Programme ohne messbaren nachhaltigen Erfolg. Reines nachdrücken der Gelder (s. Ausführungen oben). Das kann anders sein wenn sich ein Ventil ergibt wie ein Innovationsschock.

3) Die Empirie spricht nicht gerade dafür:

Niedrige Staatsquoten so um oder unter 40% findet man in der Vergangenheit wo… also bei den USA, Japan, Zypern, Spanien, Irland…..

Ich frage mich wie da „Kürzungen von Staatsausgaben werden …. längerfristig aber die Staatsverschuldung reduzieren“ belegt werden soll.

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Comments
2 Responses to “Weshalb benötigen Staaten nun Sparmaßnahmen? Zu Staatsschulden und Verzicht in Europa”
  1. Lieber Otmar,

    wieder mal ein intelligenter Artikel von Dir. Mach weiter so. Ich brauche im Moment eine Pause und habe von dem Thema erst mal genug.

    Mein aktueller Stand:

    http://klausgauger.wordpress.com/2012/05/11/trotz-des-eitlen-selbstlobs-von-wolfgang-schauble-die-eurokrise-ist-massiv-zuruckgekehrt-60/

    Übrigens: Ein Grund für die „Staatsschuldenproblematik“ ist der, dass seit Gerhard Schröder die staatliche Einnahmenseite in Deutschland massiv zusammengeschrumpft ist (niedrigerer Spitzensteuersatz der Einkommensteuer, massiv gesunkene Unternehmenssteuern, kaum Abgaben für Kapitalanleger, etc.). Hätten wir noch das gleiche Steuerniveau wie unter Helmut Kohl, hätten wir gar kein „Staatsschuldenproblem“ in Deutschland.

    Darüber wirst Du in der „FAZ“ aber sicher nie etwas erfahren. Ich verweise Dich für dieses Thema nicht zuletzt an Albrecht Müller und Wolfgang Lieb und ihre „Nachdenkseiten“.

    http://www.nachdenkseiten.de/

    Ich selbst habe in meinem Blog auch schon darüber geschrieben. Die „neoliberale Revolution“ impliziert seit Ronald Reagan und Margaret Thatcher auch immer massiv Steuergeschenke an die oberen Einkommensklassen, an Unternehmer und Kapitalanleger.

    Und dieses Geld fehlt dem Staat dann natürlich.

    Dir noch eine gute Zeit,

    Dein

    Klaus Gauger

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