Gesundheitsausgaben, wer explodiert? Wir haben zu viel Arbeit, Herr Raffelhüschen?

Beim INSM-Ökonomenblog kam Herr Prof. Dr. Raffelhüschen zu Wort. Sollte ihn jemand nicht kennen – er gilt als Lobbyist der privaten Krankenversicherer und war Berater Röslers als Gesundheitsminister. Er stellt die These auf das die Gesundheitsausgaben zu stark steigen, das wir im Jahr 2050(!) einen Beitrag von 30% erhalten wenn wir weiterhin Vollversorgung für jeden anbieten. Außerdem – wohl sein Hauptanliegen – sei es zu teuer die PKV in die GKV zu integrieren. Letzteres soll uns hier weniger interressieren, auch wenn seine Argumentation dafür eher schwach ist. Mich hat bereits seine Grafik und seine These davor gestört. Eine Grafik mit derart kurzem Zeitrahmen und reinen Brutto-Ausgaben ist nicht gut geeignet etwas darzustellen. Bruttoausgaben berücksichtigen weder die Inflationsrate, noch das zugrunde liegende BIP noch in diesem Falle die Anzahl der in den GKV Versicherten.Nun habe ich mir einmal drei Tabellen mit den dafür benötigen Angaben abgerufen. Quelle ist der Gesundheits-Berichterstatter des Bundes.KV Anteil BIP

In der ersten Tabelle können wir die gesamten Gesundheitsausgaben sehen. Darin ist nicht nur die GKV enthalten sondern sind auch noch andere Ausgabenträger. Die Werte hier sind Interessant um die relevante Gesamtentwickung im Verhältnis zum BIP zu betrachten. Und sie liefert uns eine m.E. um die Innflation bereinigte Verhältniszahl. Wir werden weiter unten hingehen und mit Hilfe dieser Tabelle die GKV-Ausgaben entsprechend als Prozentsatz des BIP darstellen. Man kann an dieser Stelle feststellen das die Gesundheitsausgaben insgesamt im Zwischenraum von 1995 bis 2011 um 1,2% des BIP angestiegen sind. Die Zunahme hält sich damit in Grenzen. Was sie bedeutet werden wir später erörtern.

GKV Kosten

Die Zweite Tabelle nun liefert uns die Aufteilung. Zu bemerken dabei das Hinzukommen der Pflegeversicherung sowie Steigerungen bei den priv. Haushalten. Hier haben wir auch die Zahlen (bis auf 2012) aus der Grafik von Raffelhüschen. Man könnte wenn wir wie Rafffelhüschen die sich dahinter verbergenden Mitgliederzahlen ausblenden konstantieren das von 1995-2011 die GKVen nur um 50% mehr an Ausgaben getätigt haben, die PKV jedoch 100% mehr. Einen Sinn ergibt diese nackte Zahl jedoch nicht.

GKV Mitglieder

Und nun zur Dritten Tabelle. [Eine Zahl habe ich dabei nicht mit abgebildet, die Mitgliederzahl für 2007. Diese lag bei 50.743.104.] Nun bauen wir uns entsprechend konkludente Reihen auf.

–> Im Jahre 1995 lagen die Gesamtausgaben bei 186Mrd, davon waren 112Mrd durch die GKV verausgabt. Das ganze für 50,7mio Versicherte und ergibt einen Anteil am BIP von 6,08%.

–> Im Jahre 2011 lagen die Gesamtausgaben bei 294Mrd, davon waren 168Mrd durch die GKV Verausgabt. Das ganze für 52,05mio Versicherte und ergibt einen Anteil am BIP von 6,48%. Die Steigerung der GKV (1995 zu 2011) beträgt noch 0,4%. Rechnen wir die in 2011 höhere Mitgliederzahl herunter ergibt sich ein Prozentsatz von 6,31% und damit eine tatsächliche Kostensteigerung in der GKV (seit 1995) im Verhältnis zum BIP in Höhe von 0,26%.

Bei dieser Steigerungsrate von 0,015% pro Jahr sollte man vermutlich Insolvenz anmelden? Also – sollte man meinen. 0,26% des BIP innerhalb von 16 Jahren sind immerhin… also…. ganz viel, nicht?

Ha!  Werden Sie nun  fragen:

Gibt es denn keine Kostenexplosion bei den gesetzlichen Krankenkassen?

Die Antwort ist so naheliegend wie banal: nein, es gibt sie ganz offensichtlich nicht. Unglaublich, aber wahr. Die Kosten sind sogar derart stabil, man glaubt es kaum. Die inflationsbereinigten Kosten pro Versichertem sind praktisch nicht gestiegen zwischen 1995 und 2011. Die Gesundheitsausgaben welche über der Inflationsrate liegen wurden in der Hauptsache von den Bürgern selbst getragen (z.B. über Zuzahlungen) sowie durch die notwendige Pflegeversicherung verursacht. Man kann einzig anführen das es ohne Selbstbehalte und Zuzahlungen etc. etwas stärker gestiegen wäre. Vieles von dem was man so liest kommt aus Quallen welche auch das sog. „Demographieproblem“ speisen.

Richtig ist jedoch folgendes: die obig errechnete Prozent-Steigerung basiert auf dem Bruttoinlands-Produkt (BIP). Obwohl die Anzahl der Versicherten nicht gesunken sondern leicht angestiegen ist, ist der Bezugspunkt für die GKV-Beiträge nicht gleichmäßig mit dem BIP angestiegen. Beiträge in die GKV werden mehrheitlich von SV-Pflichtig beschäftigten, Arbeitssuchenden und Rentnern entrichtet. Sie sind Abhängig vom Beschäftigungsstand (wie viele sind Arbeitslos oder Rentner?), der Lohnhöhe, der Beitragsbemessungsgrenze und last but not least der Lohnquote (welchen Anteil am BIP haben Löhne überhaupt?). Und bei diesen Punkten ist festzustellen, das in allen Punkten Probleme auszumachen sind. Die Arbeitslosigkeit ist nicht gerade niedrig, die Lohnquote ist gesunken und die Beitragsbemessungsgrenze kappt m.E. einen größeren Teil der Löhne als früher von der Beitragspflicht ab.

–> Die Folge ist, das die GKV-Kosten zwar nicht wirklich gestiegen sind, aber die GKV Beitragssätze für die Beitragszahler trotzdem steigen mussten.

Mögliche Lösungen des Problemes liegen auf der Hand. Man muss (m.E. zwingend) an die im BIP erfasste Wertschöpfung heran, auch wenn dort PKV-Versicherte doppelt erfasst würden. Das kann über eine Abgabe/Steuer geschehen. Man kann auch an die Beitragsbemessungsgrenze heran. Das halte ich aber für relativ wenig effektiv.

Was man aber anhand der obigen Schilderung gut ausmachen kann ist, das eine Kopfpauschale das Problem nicht löst sondern verstärkt. Prof. Raffelhüschen ist wie beispielsweise Prof. Oberender ein Verfechter der 2-Klassen-Medizin. Kopfpauschalen sind sehr gut geeignet die geringer verdienende Masse an Bürgern weniger gut und im Gegenzug über Zusatzversicherungen besser verdienende weiterhin mit Spitzenmedizin zu versorgen. Mehr kann eine Kopfpauschale nicht leisten. Außer einem. Es verringert die „Kosten“ anteilig am BIP. Nun noch kurz eine Betrachtung was „Kosten“ denn sind. So genannte Kosten bedeuten m.E. Arbeitsplätze und Wohlstand. Zu Erklärung ziehen wir einmal eine Zahl aus der Vergangenheit.

Im Jahre 1960 lagen die Gesundheitsausgaben bei rd. 4,5Mrd, das waren 3% des BIP und etwa 3% aller Beschäftigten

Im Jahre 2002 lagen die Gesundheitsausgaben bei rd. 200Mrd, das waren 10% des BIP und 12% aller Beschäftigten

Eine Drosselung des Anteils des BIP auf das relative (BIP-Bezogene) Niveau von 1960 hätte also etwa (grob) eine Steigerung der Arbeitslosigkeit um 9% zur Folge. Was hätten wir davon? Nichts. Wir sind verstärkt eine Dienstleistungsgesellschaft geworden. Gesundheit erhalten ist mit ein Motor der Wirtschaft aber in der Hauptsache auch für die Gesellschaft ein Gewinn. Eine Begründung für den Erhalt beispielsweise von 11% des BIP für Gesundheitsausgaben für alle kann ich ohne auf Gerechtigkeits-Diskussionen auszuweichen erbringen: It´s economy, stupid! Das kann evtl. einmal ein Thema werden wenn der Export schleift und die Arbeitskräfte zu wenige sind wg. Demographie o.ä. (siehe verlinkter Artikel dazu oben). Aber manche meinen ja wir müssten In Zukunft eigentlich gar nicht mehr arbeiten (ja, diejenigen welche das Betrifft wisst das schon – genau Euch meine ich!)….. M.E. sagt Raffelhüschen eigentlich also das gleiche – auch wenn er dies sicher anders interpretieren wird.

Professor Dr. Raffelhüschen war lange Jahre Berater des Gesundheitsministers in Deutschland. Es gibt andere wie ihn für andere Ressorts und viele in den Parteien.

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Comments
6 Responses to “Gesundheitsausgaben, wer explodiert? Wir haben zu viel Arbeit, Herr Raffelhüschen?”
  1. Robert Arnold sagt:

    Richtig ist, dass
    a) die Gesundheitsökonomen lange davon ausgingen, dass die Bevölkerungsalterung doppelt zu Ausgabensteigerungen führt: Erstens sind ältere Menschen häufiger und schwerer krank als junge. Zweitens wurde aus der Vergangenheit geschlossen, dass die Ausgabensteigerungen bei alten Menschen deutlich größer ist als im Durchschnitt. Inzwischen hat sich gezeigt, dass der zweite Effekt aktuell nicht (mehr) gegeben ist.

    b) Eine Deiner Schlussfolgerungen und eine von Prof. Raffelhüschen, widersprechen sich nicht, obwohl Du das so darstellst. Raffelhüschen sagt: Vollversorgung für alle können wir uns nicht mehr leisten. Du sagst: Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (gemessen als Anteil am BIP) sind nur geringfügig gestiegen – allerdings sind die Zuzahlungen gestiegen. Man könnte vermuten, dass Raffelhüschen genau den Anstieg der Zuzahlungen als ein Zeichen dafür meinte, dass „Vollkasko“ künftig zu teuer wird.

    c) Deine Schlussfolgerung, wir bräuchten eine „Wertschöpfungsabgabe“ teile ich nicht. Wir brauchen den Einbezug aller in die Gesetzliche Krankenversicherung, einschließlich Selbständiger, Beamter, Abgeordneter. Wir brauchen auch den Einbezug von allen Einkommensarten in die Bemessung des Krankenversicherungsbeitrages. Und wir brauchen eine Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze. Alternativ kann man auch auf soziale Pauschalprämien umstellen, bei denen diejenigen Haushalte im unteren Einkommensdrittel einen Teil ihrer Ausgaben für die Krankenversicherung vom Staat bezuschusst wird. Je geringer der materielle Wohlstand eines Haushalts, desto größer wäre der Zuschuss.

    Twitter: https://twitter.com/Dr_Bob100

    • aloa5 sagt:

      Hallo Robert,

      Deinen Punkt b) teile ich nicht. Dagegen spricht seine Grafik. Er hat lediglich die Ausgaben der GKV als Beleg herangezogen.

      Bei c) verstehe ich den Punkt nicht. Wenn man alle einbezieht und die Beitragsbemessungsgrenze erhöht bzw. fallen lässt hat man m.E. so etwas wie das was ich meine. Pauschalprämien ergeben eigentlich eben keinen Sinn, da sie für den mit 3000 Euro Verdienst so viel kostet wie für denjenigen mit 3mio Euro Verdienst. Und in Addition hat man bei Pauschalprämien das nicht unerhebliche Problem der Arrbeitgeberbeiträge. Sinken diese, dann sinkt der Lohn. Steigen diese beispielsweise im unteren Lohnbereich wenn man eine Pauschale halbiert, dann steigen die Lohnkosten exakt in dem Bereich wo man es nicht brauchen kann.

      Ich halte es im übrigen für nicht so einfach wie manche es sich vorstellen mal eben etwa 10% KV-Abgaben, respektive Steuern, beispielsweise auf Bruttoeinnahmen für Mieteinnahmen etc. zu erheben. Um genau zu sein geht das überhaupt nicht. Das ist naiv.

  2. Was hältst Du vom englischen System? Es gibt da keine gesetzliche KV, stattdessen wird es steuerfinanziert.

    • aloa5 sagt:

      Die Umstellung ist schwierig. Letztlich schlage ich etwas in dieser Art bzw. ähnlich vor. Es kommt dabei auf die Art der Steuer an und das die Arbeitgeberanteile (=Lohn) erhalten bleiben, wenn auch etwas anders strukturiert (nicht „flat“).

      Ich würde die Arbeitgeberanteile in eine Steuer umwandeln welche ebenfalls (wie die SV-Beiträge) auf jeden Lohn aufgezahlt werden müssen. Den Steuersatz kann man modellieren, Beitragsbemessungsgrenzen muss man nicht einhalten. Damit kann man eine ganze Menge machen. Man kann z.B. die Arbeitgeber der Bestverdienendsten Angestellten mit heranziehen. Man kann die Arbeitgeber welche mehr(!) als einen gedachten Mindestlohn bezahlen etwas entlasten – um dort höhere Renditen und damit Anreize für Beschäftigungszuwachs zu schaffen.

  3. PotzBlitzDonner sagt:

    fassen wir mal zusammen :

    52 Mill. GKV-Mitglieder
    9 Mill. PKV-Voll-Mitglieder

    Summe=61 Mill.
    Einwohner Deutschland 80,5 Mill ?
    Oh Schreck!!!
    Vielleicht brauchen wir ja auch hier Obamacare !?

    Ein Erklärungsversuch:
    Bei den GKV-Mitgliedern handelt es sich vielleicht nur um die Beitragszahler. Wurden vielleicht die Kinder und der nicht arbeitenden Partner unter den Teppich gekehrt ?

    Aber wenn wir die Kinder berücksichtigen, die ja mit sicherheit weniger geworden sind kommt man dann vielleicht auf andere Zahlen was die langfristige Kostenentwicklung anbelangt !?

    Die Frage ist ja auch was das Gesundheitssystem heute leistet und was es früher geleistet hat, ist die Leistung besser oder schlechter. Früher gab es als Beispiel viel mehr Kuren, wenn ich die Zahlen der Vergangenheit mit heute Vergleiche müsste ich die Kosten der Kuren in den alten Zahlen nicht auch noch raus rechnen !?

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