Arbeitszeit – wie lange würden wir arbeiten wenn 1960 wäre

Langjährige Blogleser kennen die Grafik von 2011. Ich habe sie nun mit den Daten bis 2012 erweitert.

Ich erkläre noch einmal kurz was man darauf sieht und herauslesen kann. Zu unterschiedlichen Zeiten gibt/gab es eine unterschiedlich große Bevölkerung(1) und eine unterschiedlich hohe Erwerbstätigenquote. Wenn man nun Arbeitslosenquoten liest oder die Anzahl der geleistete Arbeitsstunden, dann sind die Veränderungen der Einwohnerzahl und bei den Erwerbstätigen darin nicht wiedergegeben.

Beispiel:

Im Jahr 1960 gab es 55,958mio stat. erfasste Deutsche, eine Erwerbstätigenquote von 46,58% bei einer durchschnittlichen  Arbeitszeit von 2161h.

Im Jahr 2012 gab es 80,524mio erfasste, eine Erw.Quote von 51,92% bei einer durchschn. Arbeitszeit von 1393h

Ich habe nun in der Grafik die Zeit zurückgedreht. Wir schreiben das Jahr 1960 und die Erwerbstätigenquote liegt konstant bei 46,58% der Bevölkerung. Sprich:  wie lange müsste ein Erwerbstätiger im Durchschnitt arbeiten wenn („nur“) 46,58% der Bevölkerung arbeitet (wie es 1960 der Fall war)?

Für 2012 ist die Antwort: er müsste im Durchschnitt 1.553h arbeiten

1.553 anstelle von 1393 Arbeitsstunden

„Herausgerechnet“ sind damit Effekte wie zu Hause bleibende Ehepartner. Immerhin hatte man 1960 noch 2,5 Kinder pro Frau, heute ist es glaube ich gerade einmal die Hälfte. Ebenfalls herausgerechnet alle welche offiziell (über die BA) als „Erwerbstätig“ gelten, aber eigentlich nicht arbeiten oder nicht arbeiten gehen möchten (sich also 1960 nicht arbeitssuchend gemeldet hätten). Sprich: ein ALGII-Effekt ist damit eliminiert. Und gleichfalls die Teilzeitbeschäftigungen welche lediglich den Beschäftigtenstand erhöhen, nicht jedoch die Anzahl der Arbeitsstunden.

logic arbzeit2012

Der Tiefpunkt der Erwerbstätigenquote liegt übrigens nicht im Jahr 1960 sondern mit 42,54% im Jahr 1976.

Wie schon in früheren Beiträgen erwähnt ist eine Konstanz auszumachen. Seit 1974, mit Unterbrechnung durch die EInheit, liegen die statistisch erfassten geleisteten Arbeitsstunden auf einer (waagerechten) Linie. Die Abweichungen liegen innerhalb eines tolerierbaren Bereiches, zumal man annehmen kann das die schwächeren Jahre in den 2000ern bereits mit einer zu hohen Bevölkerungszahl versehen sind. Der Malus 2010 auf 2011 liegt bei 1,37mio Bürgern. Ich habe einmal probehalber das schwächste Jahr 2003 um 1mio korrigiert, was im Ergebnis die Stundenzahl um 18h pro Jahr nach oben drückt (von 1449h auf  1467h). Die Anzahl von 1553h pro Erwerbstätigem überschreitet im übrigen die Zahl von 1993. Damals lag der entsprechende Wert bei 1536h/Erw.. Eine weitere Aussage welche aber so nicht ganz zutreffend ist wäre die, das 5% der Menschen (das sind 4mio Einwohner) aufhören könnten zu arbeiten wenn die verbleibenden Erwerbstätigen rd. 3h pro Woche länger arbeiten gehen. Das geht natürlich regional wie strukturell so allgemein nicht ganz auf. Die Verschiebung könnte nur dort erfolgen wo weniger arbeitende das auch leisten können und wollen. Das würde sich vornehmlich im unteren Lohnbereich abspielen.

Als kleines Fazit sei noch gesagt, das ich diese Art der Darstellung für eine Betrachtung längerer Zeiträume für aussagekräftiger halte als Arbeitslosen- oder Erwerbstätigenstatistiken. Gerade letztere sind oftmals ein Thema, aber irreführend wenn es sich nur um Aufteilungen der Stunden zwischen mehreren Arbeitswilligen handelt.

 

Auf  u.a. Anregung von #Tapete hier noch die Datenquellen. Im Jahr 2011 hatte ich mich anhand des statistischen Taschenbuches des BMAS orientiert und weitere Spalten angefügt.  Für das Update heute habe ich die damalige Tabelle nur erweitert. Ich bin bei https://www-genesis.destatis.de in eine entsprechende Tabelle gegangen. Das ist in diesem Falle die 81000-0015 (oben eingeben). Es gibt verschiedene Wege um die zu errechnenden Zahlen zu kommen. Ich habe es mit einer Rundung übernommen. Ohne Rundungsfehler sollte es so sein:

80,524mio Einwohner(2012) x 46,58% Erwerbstätigenquote(1960) = 37,50808 mio Erwerbstätige

57973mio Arbeitsstunden(2012) : 37,50808mio Erwerbstätige = 1545,61 Arbeitsstunden/Erwerbstätiger

Ich hatte (um den Rundungsfehler zu erklären) nicht die 57973mio Arbeitsstunden genommen sondern mit den 1393,3h (für 2012) aus Tabelle 81000-0015 und den Prozentsätzen für die Erwerbstätigenquote weitergerechnet. Das dies 7h Unterschied ausmachen könnte war mir so nicht bewusst. Weshalb ich das vor 2 Jahren etwas anders (und unnötig kompliziert) berechnet habe erschließt sich mir gerade auch nicht.

 

 

 

1) Zu bemerken an dieser Stelle im übrigen das die Bevölkerung von 2010 auf 2011 um gut 1mio Bürger nach unten korrigiert wurde (Zensus).

Comments
10 Responses to “Arbeitszeit – wie lange würden wir arbeiten wenn 1960 wäre”
  1. Tapete sagt:

    Ich hätt’s besser gefunden, wenn du die Rechnung und woher du die Zahlen für die Rechnung nimmst etwas ausführlicher dargestellt hättest. Ist so für mich auf Anhieb nicht nachvollziehbar. Wenn man beispielsweise die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden von 1960 teilt durch die 46 % Erwerbstätige der 80 mio. Menschen, dann kommt bei mir 1500 Arbeitsstunden pro Kopf raus, und nicht 1553.

  2. PotzBlitzDonner sagt:

    Wäre es nicht vielleicht etwas anschaulicher wenn du einfach die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden durch die Anzahl der Bevölkerung teilst ? Dann komme ich bei deinen Zahlen aktuell auf circa 2 Stunden betriebswirtschaftlicher Arbeit (wenn ich mich jetzt nicht verrechnet habe) die jeder im Durchschnitt jeden Tag (Werk-, Son- und Feiertag) geleistet hat von Baby bis zum Greis und die sich wohl nur unwesentlich verändert hat seit 1960. Das ist zwar weniger exakt wie du das rechnest aber als Argument gegen die Behauptung des BGE doch als Näherung völlig ausreichend, für breitere Massen besser verständlich und im politischen Diskurs kann man sich schlagfertiger positionieren.

    • Stimmt, ich frage mich noch nach dem Grund, dass zunehmende Produktivität nicht mehr im gleichen Maße zwischen einem mehr an Freizeit und einem mehr an Wohlstand aufgeilt worden ist. 2 Erklärungsversuche:

      1. Es gibt doch viel mehr Freizeit, in den letzten Jahrzehnten ist dank Waschmaschine und Fertiggerichten etc die Hausarbeit massiv zurück gegangen.

      2. Die Zusammensetzung der Nichtarbeitenden hat sich geändert, weg von Kindern und Hausfrauen, hin zu Rentnern, und damit sehen die Arbeitnehmer den Produktivitätszuwachs nicht so leicht in den Nettogehältern.

      Ich bin mir da aber sehr unsicher.

      • aloa5 sagt:

        Zu 1. sei gesagt das imho bei der Arbeitszeit die Urlaubstage mitgezählt werden. Da soll der Schnitt bei Arbeitnehmern offenbar bei 30 Tagen liegen, das sind 5 Wochen (da 6-Tage-Wochen gezählt werden). Das waren früher wesentlich weniger.

        Ansonsten ist es m.E. schlicht so, das es noch jede Menge Arbeit zu tun gibt. Wo auf der einen Seite etwas weg fällt wird aufgefüllt mit dem was noch zu tun ist.

        • Ich dachte da nicht an Urlaub. Ich denke, dass vielleicht im 19. Jahrhundert sich viel vom Produktivitätsgewinn in Fabriken gezeigt hat und recht wenig bei der Hausarbeit. In den letzten Jahrzehnten dagegen ist bei viel Erwerbsarbeit (Lehrer, Taxifahrer) eher wenig passiert, dafür dank Waschmaschine und Fertigmahlzeiten einiges im unbezahlten Hausarbeitsbereich.

          Ich postuliere dann, dass heute deutlich weniger gearbeitet wird als 1960, dass sich das aber vor allem bei der Hausarbeit zeigt. Gut untermauert ist die Hypothese aber nicht.

          • PotzBlitzDonner sagt:

            Ich denke das große Problem Ist wenn du die nicht Betriebswirtschaftliche Arbeit untersuchen willst, erstmal zu definieren was in der „Freizeit“ überhaupt Arbeit ist und was nicht.
            In einer Art ganzheitlichen Volkwirtschaftslehre wenn es so was gibt würde man erstmal die ganzen 24 Stunden eines Tages als Arbeit betrachten, selbst der Schlaf hat ja einen Zweck. Man müsste bestimmte Gesellschaftliche, Kulturelle oder einfach private Ziele definieren und die jeweilige Handlung dahingehend untersuchen welchem Ziel sie nun dient und ob sie eine gewisse Effektivität hat dieses Ziel zu bedienen. Anhand der Effektivität und der Ausrichtung könnte man dann einen Schwellwert definieren und dadurch künstlich ein Unterscheidungsmerkmal erzeugen was nun Arbeit ist und was eben nicht.

    • aloa5 sagt:

      Vielleicht wäre es anschaulicher. Mir selbst wären die Kommazahlen nicht plastisch genug. Ich neige dazu bei 2,1 anstelle von 2,2 leichter zur „verharmlosung“ der Differenz.

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  1. […] (seit 2005) mit einem Anstieg der Arbeitsstunden einhergegangen. Auch das hatten wir vor wenigen Tagen erst. [Den Anstieg dieser Quote ab 2005 kann man gut mit der Agenda vernüpfen auch wenn Holger […]



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