Bruttoanlageinvestitionen – Wunderland wo bleibst Du nur?

Wir hatten es schon einmal vor einem Jahr davon, als ich das „Wunderland“ des Ifo-Institutes der Jahre vor dem für Deutschland höheren Zinsen durch den Euro bei den Investitionen vermisst habe. Wir haben ja inzwischen niedrigere Zinsen als der Süden Europas. Sehr viel niedrigere. Also jetzt müsste doch lt. klassischer Ökonomie…..

Bruttoanlageninvestitionen 422013vk

Das ist jetzt nicht umwerfend. Und der Trend hält an. Im ersten Halbjahr 2013 sind die Investitionen gegenüber dem Vorjahr noch einmal um ein paar Milliarden zurückgegangen. Einen signifikanten Unterschied zwischen der Zeit vor der Krise und nach der Krise kann man ebensowenig ausmachen wie im Vergleich zwischen DM-Zeiten zu Euro-Ära. Preisbereinigt befinden wir uns bei den Bruttoanlageinvestitionen im gleichen Bereich wie in den Jahren 1999-2001. In Deutschland wird lt. Weltinvestitionsbericht immer weniger investiert. Dafür steigt die Investitionstätigkeit im Ausland wo wir uns weltweit auf Rang 6 der Investoren befinden..

Faszinierend dabei ist, das es Deutschland dabei nicht schlecht oder schlechter geht, Ökonomisch gut aufgestellt, im Verhältnis blendende Arbeitslosenquote und Leistungsbilanz. Das spricht für ein hohes Ausrüstungs-Niveau welches man anscheinend mit geringen Mitteln aufrecht erhalten kann. Das impliziert meines Erachtens die bekannte Lücke im Gesamtgebilde der klassischen Ökonomie. Dem Konstrukt  „selbst Ersparnisse finanzieren stets die Nachfrage eines Kreditnehmers“ (siehe Hamburger Appell von Funcke, Lucke, Straubhaar und 200 weiteren Lehrkörpern an Universitäten). Die Aussage als solches ist schon als nicht korrekt zu bezeichnen. Insbesondere in (und für) eine sich nicht alleine auf der Welt befindlichen Volkswirtschaft stimmt die Aussage so nicht und es liegt offenbar auch nicht an lokalen Zinssätzen. Hauptsächlich spielen natürlich Ertragsaussichten für Investitionen eine Rolle und diese sind im Ausland eben größer. Zudem lässt sich bei uns wie oben ausgeführt auch relativ wenig an Kapazität ausweiten. Der Bedarf an neuen Maschinen ist z.T. gedeckt, der Arbeitsmarkt an Fachkräften begrenzt. Der Beschäftigungsgrad – ich wiederhole das – wurde gesteigert ohne signifikante Erhöhung der Investitionen.

Das geschah m.E. (im Umkehrschluss) mit höherer Auslastung der vorhandenen Kapazitäten. Eine weitere mögliche Schlussfolgerung ist demnach das zuvor bereits ein Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung vorzufinden war, einer „Erfindung“ von Keynes. Und diese kann widerum bei der Investitionsfalle vorgefunden werden.

Das Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung stellt eine gesamtwirtschaftliche Situation innerhalb marktwirtschaftlicher Strukturen dar, in welcher die Gütermärkte einer Volkswirtschaft geräumt sind (Marktgleichgewicht), aber dennoch Arbeitslosigkeit besteht.

..

Die Investitionsfalle ist ein Grundbegriff der keynesianischen Wirtschaftstheorie. Sie beschreibt das ökonomische Phänomen, dass Unternehmen in Zeiten einer Depression selbst dann nicht investieren, wenn die Zinsen sehr niedrig sind.

Ursächlich hierfür ist, dass die Unternehmen nicht einmal die bereits vorhandenen Produktionskapazitäten auslasten; dennoch weiter zu investieren wäre also widersinnig. (Wikipedia)

Da haben wir also den Salat. Wohin aber mit den Arbeitslosen? Oder besser: woher?

Blogleser wissen das. Mehrfach referiert u.a. unter „Heckscher-Ohlin“. Aber das Beispiel bei Wikipedia beim Faktorausgleichstheorem ist m.E. allgemein auch für nicht-Fachleute verständlich und anhand dessen kann man wunderbar die Abweichungen erklären:

Deutschland besitzt in der PKW-Produktion einen komparativen Vorteil gegenüber Spanien, während Spanien einen komparativen Vorteil beim Anbau von Orangen besitzt. Man kann hier Deutschland als Hochlohnland und Spanien als Niedriglohnland bezeichnen.

Deutschland produziert also die kapitalintensiven PKW und exportiert sie nach Spanien. Somit wird auch der Faktor Kapital indirekt exportiert. Dies führt in Deutschland zu einer erhöhten Nachfrage nach Kapital, was wiederum steigende Zinsen zur Folge hat. Da Deutschland die arbeitsintensiven Orangen aus Spanien importiert und sie nicht selbst herstellt, sinkt die Arbeitsnachfrage und somit auch die Löhne. Diese passen sich nun an die niedrigeren Löhne in Spanien an.

Spanien wird die im eigenen Land angebauten arbeitsintensiven Orangen nach Deutschland exportieren. Der Faktor Arbeit wird somit indirekt nach Deutschland exportiert. Dies führt in Spanien zu einer erhöhten Nachfrage nach Arbeit, was wiederum steigende Löhne zur Folge hat. Diese Löhne passen sich nun an die höheren Löhne Deutschlands an. Weil Spanien die kapitalintensiven PKW aus Deutschland importiert und sie nicht selbst produziert, sinkt die Kapitalnachfrage und somit auch die Zinsen.

Folglich kommt es im Modell zu einem völligen Ausgleich der Faktorpreise beider Länder.

Man kann in obigem Beispiel anstelle von Spanien auch China oder Indien setzen. Der erste ins Auge springende Punkt ist die Lohnanpassung. Die kann nicht stattfinden, denn die unterschiedlichen Lebenshaltungskosten verhindern ein angleichen. Das zweite ist der Unterschied der Produktivität/Preise. Selbiger führt m.E. dazu das im Verhältnis nur wenige Autos eine ganze Menge an Orangen aufwiegt. Und das dritte ist die im Theorem dargestellte Zinsbewegung. In Zeiten der Globalisierung auch der Finanzmärkte wo der Spanier problemlos an Deutsche Gelder kommt und vice versa bzw. ein Konzern mit seiner eigenen Bonität überall auf der Welt Gelder erhält und investieren kann wo er möchte spielt der lokale Zins für industrielle Investitionen eher keine Rolle mehr.

Aber zurück zu den Arbeitslosen. Eine Bestandsaufnahme:

* Investitionen werden nicht getätigt, da eine Ausweitung nicht möglich da wir bereits das meiste an Kapazitäten für kapitalintensiven High-Tech ausgeschöpft haben.

* Löhne können nicht auf China-Niveau sinken,

* also wird das (gesparte) Geld woanders investiert

* und in Deutschland bleiben Arbeitslose (im unteren Lohnsektor übrig)

* sowie eine vermehrt vom Export (und damit von der Globalwirtschaft) abhängige Auslastung

* welche im Ringschluss zum einen von den (eigenen) Investitionen dort abhängig ist und

* folgerichtig zu Handelsüberschüssen (und Schulden des Auslandes) führt

And here we go. It´s economy. Die Angleichung des Auslandes wird irgendwann einmal kommen. Aussitzen kann man das jedoch nicht. Die Zeiträume sind viel zu lang (siehe Euro-Krise…. ach nein, Asmussen hat ja 2007 erklärt es gäbe keine Währungskrise mehr). Lösungen für das Dilemma existieren durchaus, hatten wir im Blog schon. Obiges stelle ich jedoch wieder als These auf – und müsste sich erst einmal durchsetzen.

Comments
5 Responses to “Bruttoanlageinvestitionen – Wunderland wo bleibst Du nur?”
  1. Miriam sagt:

    Ein toller Beitrag! Es ist doch immer wieder erschreckend, wenn man sich all diese Faktoren einmal vor Augen führt. Mehr bekommen, ohne mehr zu investieren scheint die Devise. Schlimm nur, dass, im Bezug auf den oben angesprochenen Beschäftigungsgrad, immer die falschen leiden und einstecken müssen.

    • aloa5 sagt:

      Ich danke für das Lob, Miriam!
      Investitionen werden nur dann getätigt wenn es sein muss oder es einen erheblichen Nutzen verspricht. Das macht eine Firma nicht viel anders als jeder Privatmann bei sich zu Hause auch.
      Das mit dem darunter Leiden sehe ich auch so. Es sind bei uns die schwächsten und am schlechtesten ausgebildeten sowie die Migranten. Der auslösende Faktor dabei ist mit einem Unwort beschrieben „die Globalisierung“. Die Arbeitsnachfrage im unteren Lohnbereich ist „vorübergehend“ (im Sinne von etlichen Jahren) stark ausgedünnt bzw. nach erst Osteuropa, dann nach China verlagert worden. Da ist es schwierig einen Schuldigen auszumachen, da es ein Marktmechanismus ist der wirkt. Am ehesten muss man der Politik das Versäumnis anlasten nichts ausgleichendes getan zu haben und auch den Ökonomen. Auch letztere haben es nicht erkannt und/oder nicht benannt und/oder begrüßt/verharmlost.

      Am Rande: Hat der Link hinter Deinem Namen eine Bedeutung?

      Grüße
      ALOA

  2. soerens69 sagt:

    Die Mittelständler werden von Investitionen im Ausland sicherlich profitieren, aber nicht der Staat…
    Ein interessanter Artikel vom MuM zum Thema Investitionsgarantien kann ich empfehlen: http://www.marktundmittelstand.de/nachrichten/finanzierung/mit-investitionsgarantien-auf-erfolgskurs-im-ausland/

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  1. […] wie vor allem und schon lange vor Schröder mit der bekannten Globalisierung (siehe auch zuletzt hier) sahen sich viele gezwungen eine niedriger entlohnte Arbeit anzunehmen. Entweder weil sie die […]

  2. […] (aber schlicht falschen) Erklärungen weshalb in Deutschland nicht investiert würde (siehe Blogbeitrag vom 17.10.) ist mehr ein hilfloses zucken. Der Markt funktioniert nicht so wie sich mache welche an selbigen […]



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