Ist die Zunahme von Niedriglöhnen ein Indiz für mehr soziale Probleme/Armut?

Gute Frage. Die Antwort ist ein eingeschränktes ja. Hätte ich gefragt ob es eine Zunahme von Armut bedeutet wäre die Antwort ein eingeschränktes nein. Also bitte gut verfolgen um welche Art Aussagen es sich im Einzelnen handelt. Das ist nicht beliebig austauschbar.

Das IW Köln schreibt:

„Der Niedriglohnsektor in Deutschland wächst. Doch das bedeutet nicht, dass deswegen die sozialen Probleme zunehmen. Im Gegenteil: Die Alternative zu einer geringbezahlten Stelle ist oftmals nur die Arbeitslosigkeit – und dort droht ein viel größeres Armutsrisiko.“

Henne oder Ei?

Anders herum wird ein Schuh daraus. Der Niedriglohn-Sektor wächst. Das bedeutet das die sozialen Probleme bereits zugenommen haben.Denn mehr Arbeitnehmer haben sich „gezwungen“ gesehen eine Arbeit aufzunehmen. Ein Grund dafür ist unter anderem Die Schrödersche Agenda mit der  ALGII-Regelung.

„In den Boom-Zeiten des Niedriglohnsektors, also zwischen 1997 und 2007, ging der Anteil der inaktiven oder arbeitslosen Bevölkerung im Erwerbsalter mindestens in dem Maße zurück, wie die Zahl der Geringverdiener stieg.“

Durch die o.g. Agenda2010 und andere Probleme im Niedriglohn-Sektor wie vor allem und schon lange vor Schröder mit der bekannten Globalisierung (siehe auch zuletzt hier) sahen sich viele gezwungen eine niedriger entlohnte Arbeit anzunehmen. Entweder weil sie die Arbeit verloren hatten (Verlagerung nach Osteuropa/China) oder weil sie durch die ALG-Zwangregelung zur Arbeitsaufnahme angehalten wurden. Das spiegelt sich direkt in der Erwerbstätigenquote nieder.

ErwQuote

Die Zunahme der Erwerbstätigen als relative und auch absolute Zahl ist dabei jedoch nicht (bis 2005) oder nur geringfügig (seit 2005) mit einem Anstieg der Arbeitsstunden einhergegangen. Auch das hatten wir vor wenigen Tagen erst. [Den Anstieg dieser Quote ab 2005 kann man gut mit der Agenda vernüpfen auch wenn Holger Schäfer vom IW richtiger Weise einen Anstieg der Anzahl der Löhne unterhalb des Armutsniveaus verneint. Man darf auch nicht den kleinen Boom in Deutschland seit 2007 übersehen. Dieser war Euro-Krisen-Induziert welche wiederum selbst auch mit eine durch Schröders Reformen verursachte ist. It´s economy – keiner kann etwas machen ohne andere zu beeinflussen.]

Damit stimmt die angegriffene Aussage das die Zunahme des Niedriglohn-Sektors ein Indiz für zunehmende soziale Probleme ist durchaus. Der Weg ist nur ein anderer. Das IW Köln hat erklärt das mit einer Arbeitsaufnahme mehr zu verdienen ist und die Armut damit schwindet. Dem kann individuell oder sogar generell durchaus so sein. Nur das überhaupt (gar bei alternder Bevölkerung) die Anzahl derer welche bei der Agentur für Arbeit als „Beschäftigt“ oder „Beschäfttgung suchend“ gemeldet sind anwächst ist bereits ein Anzeichen für soziale Probleme. Niedriglöhne sind eine Folge, denn je mehr sich um die Arbeitsplätze bemühen, desto niedriger die Entlohnung. So ein allgemeines Marktgesetz, wenn auch auf dem Arbeitsmarkt nur eingeschränkt geltend. Die Vorschriften der ARGE sorgen jedoch durchaus dafür das dem weitgehend so ist. Zudem verteilt sich die gleiche Arbeit auf mehrere, die Zunahme der Teilzeit-Arbeit ist signifikant.

Kleines Beispiel dazu gibt das IW Köln. ALGII für einen Alleinstehehnden 740 Euro + 7h Arbeit die Woche macht 880 Euro und damit nicht mehr innerhalb der Armuts-Schwelle. So schnell kommt man aus der Armut heraus (nicht zu verwechseln mit der sich bei rd. 1000 Euro befindlichen Armutsgefährdungs-Schwelle). Da ist dem IW Köln als solches nichts falsches zu unterstellen. Die Aussage ist richtig so. Nur geht es nicht alleine darum.  Wenn man 10 Personen hat, 5 davon vollzeit arbeiten und 5 arbeitslos sind, dann kann man aus diesen 5 Vollzeit-Stellen zum Lohn XY recht gut 10 Teilzeit-Stellen machen. Hinterher ist keiner dieser 10 Personen mehr innerhalb der Armutsquote.  Nur ist deren (Gesamt-)Lohn gesunken und die Einzel-Löhne ebenfalls. Das gilt auch unabhängig davon ob es dann Niedriglöhne sind oder nicht. [Kombilöhne funktionieren auf diese Weise – und diese finden manche ja gut. Die französischen Mindestlohn-Verteilungs-Regeln funktionieren ebenfalls so. Auch das hatten wir bereits. Dort erhalten 13% aller Beschäftigten den Mindestlohn – gedeckelt gerade knapp oberhalb der Armutsschwelle. Würde die Deckelung der Stunden auf 35h wegfallen könnten beispielsweise 12% mehr arbeiten und +1% wäre arbeitslos – unterhalb der Armutsschwelle.]

Das IAB schreibt diese Jahr in einem Kurzbericht wie folgt:

Der Bestand an sozialversicherungspflichtigen Teilzeitstellen ist von Juni 2006 bis Juni 2011 um 25 Prozent gestiegen. Die Teilzeitquote der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten lag im Juni 2011 bei 20 Prozent,

Diese Teilzeitarbeit ist jedoch oftmals nicht gewollt.

Die Verteilungswirkung als solches geht im übrigen ganz gut mit den aus einigen Studien zusammengetragenen Befunden zu den Mindestlöhnen zusammen. Selbige haben wie ich bereits berichtet habe keine vertikale Verteilungswirkung bei den Einkommen sondern m.E. nur eine horizontale innerhalb der Familieneinkommen derjenigen mit einem niedrigen Lohn (siehe Frankreich).

Fazit: Niedriglöhne sind sehr wohl ein Indiz für soziale Probleme. Und das ungeachtet dessen ob man mit einem Mindestlohn bei 974,77 Euro Netto Kaufkraft in Frankreich erhält oder ob in Deutschland Teilzeitarbeitskräfte über die ARGE eine Aufstockung des Lohnes erhalten. Sie sagen womöglich nichts direkt über die Verbreitung von Armut aus. Das ist dann ein anderes Thema welches dann die Verteilung von Arbeit und Löhnen sowie Staatsleistungen mit einbezieht.

Comments
4 Responses to “Ist die Zunahme von Niedriglöhnen ein Indiz für mehr soziale Probleme/Armut?”
  1. Uwe sagt:

    Schön abgehandelt. Und was schließen wir daraus?

    Wenn denn Niedriglöhne ein Indiz für soziale Probleme sind, würden diese Probleme verringert werden durch Mindestlöhne? Oder bekommen wir dann zwar ein paar geringfügig besser verdienende Menschen und ein paar gar nicht verdienende Menschen? Mit mehr oder weniger sozialen Problemen?

    • aloa5 sagt:

      Wenn denn Niedriglöhne ein Indiz für soziale Probleme sind, würden diese Probleme verringert werden durch Mindestlöhne?

      Meiner Ansicht nach nicht. Sie verschieben sich vermutlich etwas. Die Länder mit Mindestlöhne wie Frankreich, Spanien, Niederlande, Belgien oder Großbritannien haben nicht geringere sondern meines erachtens größere soziale Probleme als wir.
      Nehmen wir die Jugendarbeitslosigkeit. Ergebnis der Studien ist ja, das diese mit einem Mindstlohn steigt. Zudem würde ich behaupten das ohne die Möglichkeit Wechselkurse anzupassen (wie z.B. die Briten) regelmäßig Mindestlöhne in einer Abschwung- oder Krisenphase zu einem Arbeitsplatz-Rückgang führt. Denn in einer Krise senken sich die Löhne (da mehr freie Arbeitskräfte) oder/und der Wert der Währung nach aussen (Export). Mit Mindestlöhnen und fixen Wechselkursen geht das nicht ohne weiteres..

      Jugendarbeitslosigkeit im Blick die OECD-Tabelle 2005-2012:
      http://www.oecd-ilibrary.org/employment/youth-unemployment-rate_20752342-table2

      Und Niederlande, Belgien, GB, Frankreich, Spanien und auch Luxembourg angesehen. Da geht es niemandem so wirklich gut – auch 2005/2006 nicht (vor der Krise).

      Die Probleme verlagern sich also. Gelöst ist scheinbar das eine, aber auch nur zeitweise, Andere tauchen dafür auf.

      Man kann einen Mindestlohn setzen. Damit er so wirkt wie er soll und die Nebenwirkungen eliminiert muss u.a. die Flexibilität der Lohnkosten an anderer Stelle erfolgen, nämlich bei den Lohnnebenkosten und ggfs. zusätzlich bei der Währung. Den Briten hat auch das nichts genutzt. Trotzdem dort einmal eine Grafik:
      Klick mich

      Da sieht man nach 2006 erst die Base und dann die Entwertung.

      Es nutzt also nichts. Es sei denn man begrenzt es und koppelt es an andere Bedingungen welche dafür sorgen das das Ursprungs-Problem angegangen wird oder zumindest die negativen Effekte neutralisiert.

      • Uwe sagt:

        >dafür sorgen das das Ursprungs-Problem angegangen wird

        Und was siehst Du als Ursprungs-Problem?

        Zu wenig Nachfrage nach niedrig qualifzierten Arbeiten und damit geringes Selbstwertgefühl der Betroffenen?

        Oder zu große Ungleichverteilung? Vielleicht gefühlt – gemessen ist das Gegenteil wahr (Gini), zumindest im weltweiten Vergleich.

        Einfluss- / Korrekturmöglichkeiten?

        Mehr Geld durch größere Umverteilung wird keinen positiven Einfluss auf Selbstwertgefühle haben, da das keine Anerkennung der erbrachten Leistung darstellt sondern letztlich ein Almosen (egal ob Mindestohn oder bedingungsloses Grundeinkommen).

        Einebnen der Einkommensverteilung sehe ich nicht als Option. Dazu sind die Steuersätze bereits zu hoch. Davon abgesehen hat D im Vergleich mit anderen Industriestaaten die gleichmäßigere Einkommensverteilung wie auch Vermögensverteilung (siehe Gini Koeffizient, Wikipedia und vergleiche mit USA, Canada, den größeren EU Staaten, Australien, Russland, China etc.)

        Vielleicht wäre eine etwas positivere Sicht / Presse hilfreich. Wir bemitleiden uns hier schon berufsmäßig, obwohl es D eigentlich sehr gut geht im Vergleich mit Rest-EU und Welt..

        Ansonsten fehlt mir schlicht die zündende Idee. Leider.
        Bis auf die alte römische, Brot und Spiele.

        • aloa5 sagt:

          Und was siehst Du als Ursprungs-Problem?

          Zu wenig Nachfrage nach niedrig qualifzierten Arbeiten und damit geringes Selbstwertgefühl der Betroffenen?

          Oder zu große Ungleichverteilung?

          Zu wenig Nachfrage nach niedrig qualifizierten Arbeiten trifft die Auswirkung. Dessen Ursache ist die globale Arbeitsverteilung.

          Wie man das angehen kann, da kommen zwei oder drei Dinge in Frage. Senken der Lohnnebenkosten und Abzüge vor allem im unteren und mittleren Lohnbereich ist eines davon. Dann lohnen sich sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber solche Arbeiten stärker. Das bedeutet die Bruttolohnkosten fallen ohne das der (Netto)Lohn fällt, was eine Nachfrage begünstigt. Und es würde bedeuten das Arbeiten mehr Profit abwerfen, was das ansiedeln entsprechender Arbeitgeber/Arbeitsplätze begünstigt. Und als drittes würde es Nettolöhne erhöhen, was die Nachfrage ankurbelt.

          Im Gegensatz dazu ist das reine Erhöhen der Bruttolöhne und Lohnkosten wie beim Mindestlohn nicht zielführend. Das hilft nur ganz, ganz wenigen aber nicht Nachhaltig und auch nicht dem Gesamtkonstrukt.

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