Die Rente ist tot – es lebe die Rente!

Unendliches Thema, diese Rente. Nach der letzten Rentenerhöhung konnte man unter anderem in der FAZ über die Rentensorge wegen der Erhöhung lesen. Drei Arbeitnehmer würden heute noch einen Rentner finanzieren, bald nur noch einer. Es gibt noch weitere Multiplikatoren, je nach Jahr und Zeitung. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung gibt aktuell den Faktor 2 an und für 1992 den Faktor 2,7, vor 50 Jahren lag der noch bei 6:1 heisst es in der Broschüre.

Vorweg: dreimal die Hälfte dessen was man lesen kann ist wenig zielführend und oft inhaltlich gesehen schlicht nicht korrekt.

Nach meinem vor Jahren erstellten und vielbeachteten Beitrag zur grundsätzlichen Debatte habe ich mich diesmal noch etwas mehr auf die Statistik gestürzt. Lasst Euch ein wenig entführen in die Welt der Zahlen.

 

6… 5… 4…3… 2… 1… ja wie viele Beitragszahler zahlen denn nun wirklich für einen Rentner ein gestern, heute und morgen?

Die Grafik ist einfach – nur kennt man(tm) sie häufig nicht in ihrem kompletten Verlauf.

Beitragszahler zu Altersrentner

Die FAZ kommt irgendwie anders – oder auch von woanders fälschlich kolportiert – auf das Verhältnis 3:1 für aktuelle Jahre. Selbiges Verhältnis hatten wir in der alten BRD der 80er bereits erreicht. Das o.a. Bundesamt auf das korrekte 2:1-Verhältnis und für 1992 auf 2,7:1. Nur hat man über die Darstellung der Dramatik der Entwicklung von 6:1 auf 2:1 irgendwie vergessen zu erwähnen das im Jahr 1975 der Faktor bereits bei 3,5:1 gelegen hatte. Wir sind also in den letzten 40 Jahren von 3,5:1 auf 2:1 gefallen – und die Rente gibt es immer noch. Auf „ja aber“ kommen wir später zu sprechen.

Ein Faktor wie dieser ist bei weitem nicht alles. Die nächste Zahl derer ich mich gewidmet habe ist die des Verhältnisses dessen was aktive Beitragszahler einzahlen und dem was an Altersrenten ausgezahlt wird.

Beitragszahlungen an Rentenauszahlung unbereinigt

 

Das sieht schon ganz anders aus. Man könnte im Gegensatz zu der zuvor gezeigten Grafikder Multiplikatoren  meinen 1975 sei ein tolles Jahr gewesen. Außerdem sieht man das im Jahr 1960 auch lediglich 87% der Altersrenten durch Beitragszahlungen gedeckt waren. Eingezahlt wurden damals 7,4Mrd EUR, an Altersrenten ausgezahlt 8,5Mrd EUR, der Bundeszuschuss (um den Überschuss bereinigt) lag bei rd. 2Mrd EUR bei gleichzeitig hohen sonstigen Zahlungen – höher als heute u.a. wg. des Krieges. Altersrenten [noch enger gefasst] haben lt. Rentenversicherungsträger 1960 lediglich 48% der Ausgaben ausgemacht, heutzutage sind es 76%.

Um den tatsächlichen Verlauf darzustellen habe ich die Beitragserhöhungen noch eingerechnet.

Beitragszahlungen an Rentenauszahlung

Die rote Kurve zeigt demnach an wie der Deckungsbetrag der Versicherten gewesen wäre wenn der Beitragssatz bei 14% belassen worden wäre. Die blaue Kurve zeigt die Deckung bei dem jeweils gültigen Beitrag ausgesehen hat. Grundsätzlich fehlt es unter Berücksichtigung der Beitragserhöhungen der Entwicklung an Dramatik. „Ja aber“  was ist mit den staatlichen Zuschüssen? Nun, dieser besteht im Bereich zwischen blauer Linie und der 100%-Linie, hat derzeit einen Wert von etwa 16% der Rentenauszahlungen.

Und hier sind wir m.E. exakt an den Punkten meiner früheren Publikation [welche ich zur Lektüre empfehle]. Die Erwerbstätigenquote hat sich zwischenzeitlich erhöht. Der Impact der Erwerbstätigkeit ist hoch einzuschätzen.

Geschickterweise wäre eine Umwandlung des ständigen Zuschusses in ein zweistufiges staatliches Rentenmodell ähnlich den Schweizern zu erwägen. Steuerfinanzierte Grundrente zzgl. Rentenversicherung. De facto haben wir das bereits, da der Bundeshaushalt rd. 15% der Zahlungen übernimmt. Man kann dies dynamischer und smarter sowie durchsichtiger gestalten. Da es so oder so bereits ein zweistufiges System ist kann man durch ein transparentes gestalten gleich noch mehr „Beitragszahler“ in ein Boot holen in welchem sie eh´ schon sitzen – als reine Zahler. Das ist nicht redundant und nebenbei auch gerechter.

Wohin geht die Reise? Viel ist davon abhängig wie sich die Beschäftigung entwickelt – und die Einwanderungszahlen aussehen. Ich werde in einem späteren darauf zurückkommen wenn ich einen Versuch starten werde den Impact der aktuellen Einwanderungswelle auf die langfristige gesamtwirtschaftliche Situation einzuschätzen. Da ist erheblicher Klärungsbedarf, da Politiker wie Ökonomen dazu neigen bei der Betrachtung das Heute und Morgen zu betrachten. Das Übermorgen mit den entsprechenden Opportunitätskosten bleibt bei Terrorpanik und Überfremdungsangst etc. dabei regelmäßig ausser Betracht. Eine rationale Betrachtung der Kosten kann man versuchen durchzuführen, wenn auch mit Schwierigkeiten bzw. großen Spannbreiten bei den Ergebnissen.

„Schmalspurig“ eine Prognose durchgeführt würde ich folgendes erklären:

1975 lag die Erwerbstätigenquote bei historisch niedrigen rd. 43%, während wir aktuell bei um 50% liegen. Aktuell gibt es 36,19mio aktiv in der RV versicherte, darunter 28,9mio pflichtversicherte. Ende 2014 waren es 17,7mio Altersrentner. Sieht man sich die Vorausberechnung bei höherer Zuwanderung an für die Jahre bis 2030 dann tauschen m.E. in etwa 3mio Arbeitnehmer den Platz und werden Rentner sein. Wenn ich das grob umrechne wäre das heute ein Fehlbetrag der Rentenkasse in Höhe von 30Mrd EUR. Im Jahr 2014 lagen die Einnahmen aus Beiträgen bei rd. 201 Mrd EUR. Dies sehr vereinfacht durch 18,9 (akt. Beitragssatz) geteilt liegt ein Prozentpunkt bei 10,6Mrd EUR. Das ergäbe überschlagen also einen aktuellen [2030er] Beitragssatz von 21,9% – oder einen entsprechend höheren Zuschuss durch den Bund über Steuern.

Vorausberechnungen der Demographie sind in Teilen Schall und Rauch, weshalb ich weiter als 2030 nicht rechnen würde. Nimmt man die 9. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung von Anno 2000, dann hätten wir jetzt eine von 82mio Ew (Stand 1999) um 1,1 mio Bürger geschrumpfte Bevölkerung von 80,9mio Einwohner. Es sind zum 30.6.2015 81,5mio gewesen, durch die Asylsuchenden tendenziell weiter steigend, eher wieder auf die 82mio Einwohner zugehend gegen Ende 2016.

 

Von meiner Warte aus werden wir also die nächsten 14 Jahre ohne politisch spürbaren Reformzwang(!) auskommen. Sicherlich wäre eine Reform richtig, schon um die undurchsichtigen Verflechtungen zwischen Renten und Steuern aufzulösen. Und am Ende noch einmal ein Satz zu den „Ansparern“ vs. Umlagerente auch hier im Beitrag. Wenn man einmal ein Inlandskonzept zugrunde legt führt eine Ansparrente zu höheren Asset-Preisen welche weitergerreicht werden [entweder direkt oder indirekt]. Der Eindruck welcher mancherorts erweckt wird ist derjenige das wenn es keine umlagefinanzierte Rente geben würde die Rente gewissermaßen aus dem nichts entstehen würde. Dem ist natürlich nicht so. Eine alternde Gesellschaft hätte auch mit Ansparrenten die gleichen Probleme. Die aktuell arbeitenden finanzieren immer die aktuell nicht arbeitenden. Ausnahme davon sind einzig Investitionen nach/ins und damit auch spätere Zuflüsse aus dem Ausland…. oder natürlich eine Spiralbewegung in Form von Inflation insb. von Assets. Eine selbsterfüllende Prophezeihung im übrigen während bzw. nach einer Umstellung. Je mehr man in Assets investieren lässt, desto größerer deren Wertzuwächse und desto niedriger nebenbei auch realwirtschaftliche Käufe…. aber dafür gibt es ja schliesslich auch im monetaristisch geprägten Polit-Zirkus inzwischen den scheinbar netten Ausweg des Helikoptergeldes. Auch dazu demnächst mehr in diesem Blog. Politisch nett allenthalben das Umstellungen der Rentensystematiken erst Jahre oder Jahrzehnte später zu schlimmerem führen und Auswirkungen nicht zurückverfolgt werden können und im Zweifel an ganz andere Ursachen haben.

 

Comments
4 Responses to “Die Rente ist tot – es lebe die Rente!”
  1. Was willst du eigentlich jetzt zu den Zuwanderern sagen? Fast alle sind jünger als 40. Ein paar von ihnen werden einen Job bekommen und in die Rentenkasse einzahlen. Dadurch ist in den nächsten etwa 25 Jahren etwas mehr in der Rentenkasse als ohne Zuwanderung. Das ist mit Verlaub eine Binse.
    Ich kann natürlich zwanghaft meinen Blick auf das Positive richten und alles Negative ausblenden. Relevant ist allerdings die Gesamtbetrachtung. Und wenn ich für einen Beitragszahler vielleicht im Schnitt 2 Hartz-IV-Empfänger bezahlen muss, dann ist all die schöne Rechnung Makulatur.

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  1. […] dazu was die Statistik aussagt und was ich erst vorletzte Woche veröffentlicht […]

  2. […] altert kippt “die Rente”. Das dies so einfach nicht geschehen wird, davon wurde zuletzt berichtet. André Kühnelenz hat eben auch (ganz in diesem Sinne) […]



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