(Kritische) Anmerkungen zum OECD Wirtschaftsbericht für Deutschland u.a.

Der OECD Wirtschaftsbericht hat erwartetes erklärt. Mit manchem bin ich zufrieden, mit anderem weniger.

Also los. Betrachtet wird vorerst ein kleiner Abschnitt – Demographie und Rente – und das auch nur zum Teil. Darauf basierende Schlussfolgerungen und Empfehlungen der OECD – dabei diejenigen für die Rente – sind dementsprechend ebenso schon aus dieser Richtung fragwürdig.

  1. Das OECD-Papier gibt 1,4 Geburten pro Frau an. Die zugrunde liegende Geburtenziffer TFR  ist schon seit einigen Jahren als für Prognosen vollkommen untauglich klassifiziert. Es gibt vom Max Plack-Institut entwickelt eine TFR* bzw. a(adjustet)TFR welche den Tempoeffekt berücksichtigt. TFR setzt nur die Zahl der Geburten in ein Verhältnis und ist dadurch fehleranfällig. Fehler entstehen dadurch wenn das durchschnittsalter bei den Geburten sich verändert, sprich, wenn Frauen früher oder später Kinder erhalten. In Deutschland verschiebt sich das seit Jahren nach hinten. Beispiel 2008: TFR liegt für dieses Jahr bei 1,38, der adjustetTFR* bei 1,68, für 2005-2007 bei 1,62, für 2010 liegt aTFR* bei 1,6. Der Unterschied ist erheblich. Die Daten/Berechnungen gibt es auch vom Familienministerium ( Geburten und Geburtenverhalten in Deutschland) und in weiterführender Literatur (Sobotka/Lutz 2011 „Wie Politik durch falsche Interpretationen der konventionellen Perioden-TFR in die Irre geführt wird“). Noch besser sind Kohorten-Untersuchungen welche aber in etwa erst nach >40 Jahren erfolgen können (Abschluss gebärfähiges Alter; dort ist man erst in den 70ern). Hier noch die TFR „original“ für Ostdeutschland (blau) und Westdeutschland (rot) um das Problem zu verdeutlichen.GebZiff Ost-WestDie Grafik impliziert das Ostdeutsche Frauen schlagartig beschlossen hätten nur noch 0,5 Kinder zu erhalten. Dem ist natürlich nicht so.
  2. Die von der OECD hochgerechnete Schrumpfung der Gesamtbevölkerung um 14,9mio bzw. 18% bis zum Jahr 2060 ist dementsprechend irreführend. Das liest sich schon in vorstehenden Links zur Austrian Academy of Science (Vienna Institute of Demography) anders mit einer Schrumpfung von 82mio auf 79mio bis ins Jahr 2050. Die 13. Vorausberechnung (destatis) hat (mit Version Geburtenrate 1,6) ähnliche Werte zwischen 73 und 78mio Einwohner, je nachdem welche Migrationsbewegungen und welche Lebenserwartung man zugrunde legt. Wahrscheinlicher ist demnach eine Schrumpfung um etwa 5% bis 8% und keine 18%. Auch das ist keine Kleinigkeit.
  3. Die Nettozuwanderung zwischen 1994-2013 wird mit 175.000 angegeben. Die Zahl ist zwar korrekt aber irreführend. Insbesondere in den ersten Jahren und noch bis 2005 sind dabei m.E. Spätaussiedler u.a. (in der Statistik als „Deutsche“) geführt. Nimmt man rein die Ausländer haben wir (je nach gewähltemn Zeitraum) wesentlich weniger, eine Zahl gut unter 100.000 pro Jahr im Schnitt, in manchen Jahren sogar negativ.Wanderungssaldo Ausländer inkl Einbürgerungen
  4. Ob man die Grenze der abhängigen bei unter 15 Jahren oder unter 20 Jahren ansetzt ist sicher diskutabel. Ebenso ob man die Grenze auf 65 oder 67 setzt. Ich halte die 20/67 Jahre-Grenzen für erheblich sinnvoller und nachvollziehbarer. Wer wird ab 15 Jahren schon „nicht abhängig“ sein? er Gesamtabhängigenquotient (Verhältnis „Arbeitsalter“ zu anderen) wird demnach bei rd. 89% liegen (Bei Vorausberechnug Destatis G2L2W2). Das liegt sogar noch etwas über der Vorausberechnung der OECD mit 1,6 TFR. Das wären dann im Jahre 2060 79mio Einwohner, darunter 42mio Einwohner mit einem Alter zwischen 20 und 67 Jahren. Im Jahr 2013 waren es 81mio Ew   zu  51mio Ew zwischen 20 und 67 Jahren. Schon mehr „impact“ sehe ich bei der Nutzung der Zahl als solchem als Einzelbetrachtung.  Im Jahre 1970 hatten wir (je nach Datenbank) etwa 61mio Einwohner. Darunter 36mio mit einem Alter zwischen 20 und 67 Jahren und 27mio Beschäftigte. Das Verhältnis von dieser Altersgruppe zu den Beschäftigten liegt bei 75%. In 2014 waren es 81mio Ew, 51mio (20-67J),  43mio Beschäftigte, eine Quote von 84%. Bei 9% Unterschied nach 40 Jahren relativiert sich der Wert der Betrachtung des Abhängigkeits-Quotienten für bis in 40 Jahren. Man könnte noch die Stunden pro Arbeitskraft hinzu nehmen wie ich es vor langer Zeit einmal gemacht hatte – aber das wird hier zu ausführlich.
  5. Die Aussagen zu der Riester-Rente für Niedrigeinkommen stört mich. Durch die OECD Zitierte Coppola/GAsche 2011 stellen fest:  „Die grösste Verbreitung lässt sich bei Haushalten mit Kindern und bei höheren Einkommensgruppen feststellen„. Wen wundert es? Es sollte ein altbekannter Hut sein das gerade Niedrigeinkommen bei einem Riester-Vertrag letztlich nur sparen um im Alter nicht staatliche Förderung zu erhalten. Erst mit der Förderung durch Steuerabzug bei den höheren Einkommensgruppen oder durch die Zulagen bei Kindern wird Riester in höherem Maße relevant. Coppola/Gasche stellt denn auch darauf ab welches Verhältnis die Förderung in Bezug auf die Sparleistung hat. Das ist jedoch nur dann interessant für diejenigen aus dem unteren Einkommens-Quintil welche ansonsten anderweitig sparen würden. Eine Masche „schau – ich lege Dir zu Deinem 10er noch zwei 10er drauf“ kennt man aus Filmen über Jahrmärkte vor 2 Jahrhunderten. Das muss man sich als OECD nicht ans Revert heften. Peinlich genug das sich der Deutsche Staat bloßstellt und so die eigene Unfähigkeit zu Reformen demonstriert. Meingott – das muss man doch nicht auch noch unterstützen indem man fordert die Leute von staatlicher Seite aus verstärkt übers Ohr zu hauen! Das produziert nur Kopfschütteln bei mir. Weiterführende Literatur ist im übrgen auch von o.a. Gasche via Allianz Economic Research erhältlich. Vollkommen entgegen der Intention dort kann man das entsprechende nachlesen.
  6. Das bei der Sicherung gegen Altersarmut nur auf private Vorsorge abgezielt wird aus Richtung OECD geht aus meiner Sicht überhaupt nicht. Das ist auch eine Art von „Armut“. Ich hatte hier im Blog schon diverses erklärt diesbezüglich.

 

Es gibt in dem Abschnitt/Themenkreis noch ein paar Dinge welche man diskutieren könnte, aber das sind diejenigen welche mich gestört haben. Ansonsten natürlich auch viel Gutes Im OECD-Papier dazu wie lebenslanges lernen, Vereinbarkeit Rentenbezug mit Einkommen u.v.a..

Den Rest des Papieres nehme ich mir später vor.

 

Comments
2 Responses to “(Kritische) Anmerkungen zum OECD Wirtschaftsbericht für Deutschland u.a.”
Trackbacks
Check out what others are saying...
  1. […] worum es bei dem Streit um die Rente geht. Auch weil ich in verschiedenen Beiträgen von Regierung, OECD bis FAZ niemanden von Kritik verschone, aber die Begründungen dafür sich evtl. nicht jedem (und […]

  2. […] Spielen wir das einmal mit 75mio Einwohnern durch. Die Zahl ist so gut wie jede andere Vorausberechnung für ein beliebiges Jahr zwiachen 2040 und 2060 – je nach gewähltem Modell, ob mit oder ohne viel Zuwanderung – mit TFR oder aTFR gerechnet. […]



Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: