Wie viel länger muss in Deutschland später gearbeitet werden?

Prognosen sind immer schwierig. Insbesondere wenn es um ökonomische Dinge geht ist es oft wie ein Blick auf die Wetterkarte und je weiter weg, desto ungenauer.

Das Ergebnis vorweg – man müsste in Deutschland um das Jahr 2050 herum in etwa so viel arbeiten wie um die Jahre 1992/1993 herum.

Ich hatte schon vor ein paar Jahren zum Thema Grundeinkommen einmal anhand einer Grafik erklärt das die Arbeit nicht verschwindet. Viele der bekannteren Zahlenreihen welche Arbeitszeiten, Arbeitsstunden, Teilzeitquoten, Geschlecht etc. verwenden sind für bestimmte Zwecke nützlich, sind aber starken Wechselwirkungen unterworfen. Ob nun mehr oder weniger Frauen zur Arbeit gehen, mehr oder weniger Teilzeit gearbeitet wird, mehr oder weniger überhaupt für Arbeitsaufnahme zu Verfügung stehen – all das führt zu einer Sammlung von unsteten Einzelwerten. Aus diesen heraus ist es schwierig die Vergangenheit auszuwerten und noch schwieriger ist es Prognosen für die Zukunft abzuleiten.

Ich habe eine Grafik erstellt welche eine Kontinuität aufweist. Sie rechnet aus wie viele Arbeitsstunden pro Person und Jahr gearbeitet worden wären wenn man die Arbeitsstunden gleich auf 46,58% der jew. Bevölkerung verteilt hätte. Die 46,58% spiegeln 26,063mio Erwerbstätige im Verhältnis zu 55,958mio Einwohner im Jahr 1960 wieder (Werte lt. destatis). Nicht zu verwechseln mit der Erwerbstätigenquote als solches welche sich nicht an der Gesamtbevölkerung orientiert. Der Wert aus dem Jahr 1960 ist recht willkürlich bzw. hatte ich damals aus anderen Gründen gewählt [wäre austauschbar]. Wir werden aber anhand nachstehender Prognose sehen, das ein Wert um 46% durch die Vorausberechnungen der Bevölkerung kein schlechter ist.

Prognose Arbeitszeit

Bis 1991 ist es nur Alt-BRD und ab 1991 (deswg. gibt es dieses Jahr doppelt) ist es das heutige Bundesgebiet.

Ich behaupte anhand der vorliegenden Daten ex post, das Deutschland mit einem Wert >1510h auf dieser Skala gut fährt. Die Jahre unter 1500h waren wirtschaftlich keine sonderlich guten. Darüber lag man bis 1995, im Jahr 2000, 2008 und ab 2011. Außerdem vor der Einheit, aber das ist ein eigenes Thema.

Die Prognose welche sich daraus ergibt ist, das dies auch zumindest für die nähere Zukunft auch der Fall bleiben wird. Man könnte versuchen zu willküren ob das auch bis in 30 Jahren so bleiben wird. Die Berechnung würde dann – eine verlässliche Bevölkerungsprognose vorausgesetzt – zurückrechnen lassen wie viele Stunden Arbeit wir benötigen. Das kann man sicher auch auf anderem Wege berechnen, ich habe die Berechnung jetzt einmal auf diesem (Um)Wege vorgenommen.

 

Spielen wir das einmal mit 75mio Einwohnern durch. Die Zahl ist so gut wie jede andere Vorausberechnung für ein beliebiges Jahr zwiachen 2040 und 2060 – je nach gewähltem Modell, ob mit oder ohne viel Zuwanderung – mit TFR oder aTFR gerechnet.

75mio x 46,58% = 34,935mio x 1510h =  52,751 Mrd Arbeitsstunden

 

Nun schauen wir einmal wie es sich auswirkt wenn wir die Rentenzeit 2 Jahre (auf 67) erhöhen. Im groben natürlich.

Basis bildet die 13. Vorausberechnung des Bundes. Dort Tabelle 6, Variante6 G2-L1-W2 [Geburtenzahl 1,6, was aTFR entspricht, moderatem Alter und hoher Einwanderung]. Anteil zw. 20-65Jahren an der Gesamtbevölkerung sind 61% für das Jahr 2013 – Erwerbstätig (Inland) waren jedoch 52,41%. Im Jahr 2060 soll das zwischen 20-67 Jahren dann nur noch 54% darstellen. Das sind 7% weniger welche ich an den 52,41% abziehe um eine grobe Abschätzung zu erhalten.

75mio x 45,41% = 34,0575mio Einwohner

 

Mit diesen Werten kann man ausrechnen wie lange ein durchschnittlicher Erwerbstätiger etwa im Jahr 2050 oder 2060 arbeiten müsste damit wir den oben gewillkürten „Wohlfühl-Schnitt“ halten können. Es sind 1549h. Einen derartigen Wert gab es zuletzt in den Jahren 1991-1993 (und davor im Westen Deutschlands). Zum Vergleich den Wert aus 2013 welcher bei 1362h liegt. Die Lücke (1993->2015)  lässt sich entweder mit mehr älteren Arbeitnehmern oder mit längeren Wochenarbeitszeiten erreichen. Wobei die angenommenen Grenzen 65/67 aus bekannten Gründen eh´ hypothetisch sind und nicht den realen Renteneintrittsaltern entspricht. Da ist noch „Luft“ bereits zu 65 Jahren [2011 bzw. in den Jahren seit 2004 lag der Schnitt in Deutschland m.E. bei 61 Jahren]. Eigentlich errechne ich oben also lediglich das ansteigen des tatsächlichen Renteneintrittsalters von 61,8 Jahren (Männer) bzw. 60,5 Jahren (Frauen) auf etwa 63 bis 64 Jahre. Bis 65 oder 67 oder gar 70 Jahre tatsächlichen Renteneintritts ist noch ein Stück.

Edit/Nachtrag – ich habe im nächsten Blogpost die aktuellen Renteneintrittszeiten zwischen 2009 und 2014 (Durchschnittswerte, Quelle OECD) eingestellt und füge diese nun hier ein. In Deutschland angestiegen auf 62,7Jahre für Männer und für Frauen.  Das ist  höher als für die Jahre 2004-2009, es sind jedoch immer noch 2 Jahre auf die Rente mit 65.

retirement01

Die Prognose hinkt jedoch – wie jede andere auch – an dem Punkt das man nicht sagen kann wie sich die Produktivität entwickelt, speziell auch die Bedürfnisse in den nicht computerisierbaren Pflegebereichen usw.. Abgesehen davon ist es zu einem gewissen Grad müssig zu erklären wie lange man arbeiten werden wird.

Womöglich werden wir in der Zukunft aber doch nicht alle wegen Arbeitszeiten um die 70 Jahre herum sterben. Jedenfalls ist es angesichts eines aktuellen Renteneintrittsalters von 61,8 Jahren bei Männdern und 60,5 Jahren bei Frauen, einer nicht umgesetzten Rente ab 67 – und einem Arbeitsmarkt welcher ältere Arbeitnehmer (über 60) oft nicht aufnimmt nicht zielführend über eine Rente ab 70 zu debattieren wie Wolfgang Schäuble. Es ist nicht unmöglich das es Herrn Schäuble lediglich darum geht die Rentenzahlungen zu drücken. Eine Rente ab 70, wie bereits die Rente ab 67, sorgt  im Falle der Arbeitslosigkeit vor dem Renteneintritt für ein Absinken der Kosten insgesamt. Eine höhere Rente wird erst ab 70 voll aus der Rentenkasse gezahlt.

-> Wer es sich leisten kann geht davor in Rente und nimmt den dann höheren Abschlag in Kauf und entlastet die Rentenkasse.

-> Oder man arbeitet – und erwirtschaftet noch etwas in die Kasse.

-> Oder man wird arbeitslos – aufbrauchen der Ersparnisse – und keine Belastung der Rentenkasse.

-> Wer es sich nicht leisten kann – für den bleibt es staatlicherseits bei den Kosten gleich ob ALGII oder Zuschuss zur Rentenkasse.

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One Response to “Wie viel länger muss in Deutschland später gearbeitet werden?”
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  1. […] abzufangen – zumindest nicht in einem Korridor welcher wahrscheinlich ist. Auch mit einem aTFR von 1,8 oder 2,0 (aktuell 1,6) wird sich nichts wesentliches […]



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