Der Mindestlohn in Deutschland – Effekt und Zwischenbilanz

Es gab am 22.4. eine schriftliche Anhörung der Mindestlohnkommission und Die LINKE hat im Bundestag einen Antrag zu präziseren Angaben sowie für verschärfte Berichts- und Kontrollauflagen eingereicht. Durch das IMK (Böckler-Stiftung) und IAQ (Universität Duisburg) gibt es nun zwei Papiere dazu welche sich mit der aktuellen Lage des Mindestlohnes in Deutschland befassen.

 

Das nehme ich hier zum Anlass um noch einmal – wie bereits häufig im Blog aus verschiedenen Blickwinkeln – das Thema durchzugehen. Denn leider sind die Papiere nicht herausstechend sondern haben einen Hang zur üblichen Qualität. Damit sind sie zumindest erklärungsbedürftig.

 

Grundsätzliches zum Mindestlohn

Mindestlöhne sind nicht per se gut oder schlecht. Das gro´ an Auswirkungen hängt von den Umgebungsvariablen ab. Dort vor allem auf die Ausgestaltung der Steuern und Abgaben. Die Mindestlohn-Höhe spielt dann nachgelagert eine Rolle.

—-> Im allgemeinen würde man annehmen das der Mindestlohn das durchschnittliche Lohnniveau (Brutto; vor Steuern und Abgaben) anhebt. Dem ist jedoch interessanterweise nicht wirklich so. Zwischen dem klassischen Mindestlohn-Land Frankreich und Deutschland gibt es überschaubare Unterschiede. Die ist demnach auch anderen Faktoren geschuldet wie der Arbeitslosigkeit, aber daran soll – auch so wird oftmals argumentiert – der Mindestlohn keine Schuld daran tragen.

„The paper also investigates the impact of the UK’s National Minimum Wage on wage inequality finding it can explain a sizeable part of the evolution of wage inequality in the bottom half of the distribution in the period 1998-2010. We also present evidence that the impact of the NMW reaches up to 40% above the NMW in 2010 which corresponds to the 25th percentile. These spillovers are larger in low-wage segments“ (Butcher, Dickens, Manning 2012; CEP Discussion Paper 1177)

—-> Der „Gleichgewichtspunkt“ verschiebt sich also nicht, zumindest nicht innerhalb der Löhne. Tatsächlich sorgt ein Mindestlohn offenbar nicht für eine Verringerung der (gesamten) Einkommensschere. Zusätzlich – und das wird von mehreren Studien belegt, gibt es zwei weitere Effekte. Zum einen der Spillover, d.h. die Löhne werden zwar von unten „nachgedrückt“, aber der Effekt hat bei Lohngruppen direkt darüber ebenfalls einen Effekt. Der andere ist der, das sich die verringerte Spreizung praktisch nur innerhalb der untersten 50% Lohnbezieher bewegt. Es schiebt sich unten also alles zusammen und der Lohnsektor bis zur Hälfte der Lohnbezieher insgesamt hat [da sich der Durchschnittslohn nicht wesentlich verändert hat] mehr oder minder so viel Lohn wie davor, nur eben anders verteilt. Ich greife an dieser Stelle noch einmal die Grafik aus UK zurück welche ich vor ein paar Wochen erstellt hatte um das zusammenschieben zu verdeutlichen:

minimum wages UK long term1

Und hier noch die Grafik aus dem Discussion Paper CEP1177 woran man sehen kann wie stark es sich im unteren Bereich zusammengeschoben hat von den untersten 5% zum Median hin (die grüne Linie; 1999 war die Einführung des Mindestlohnes in UK). Die fallende grüne Linie zeigt an wie sich die Lohnschere der untersten 5% im Verhältnis zu mittleren Löhnen verringert hat, während man an der blauen Linie erkennen kann das sich der Abstand zwischen mittleren Löhnen und hohen Löhnen vergrössert hat.

graph cep1177

—-> Die Arbeitslosigkeit sollte steigen, so meinte man aus der Theorie. Höhere Preise führen zu weniger Arbeitsplätzen. Die Empirie soll das jedoch widerlegen. Man kann in der Tat direkt keine nennenswerten Verluste an Arbeitsplätzen ausmachen. Wie das IMK feststellt ist dies auch in Deutschland nicht der Fall. Dieser Punkt besteht aus mehreren Einzelaspekten. Es beginnt mit der Betrachtung wie elastisch die Lohnelastizität der Arbeitsnachfrage ist [u.a. Hicks/Marshall] mit weitergehenden Betrachtungen, da die vier Basisannahmen nicht realitätstauglich sind. Die Höhe des Mindestlohns im Verhältnis zu anderen Kennzahlen ist der weitere Aspekt. Dazu zählen allgemeine Kaufkraft, Steuern/Abgabenhöhe, bisherige BIP-Entwicklung und eine Betrachtung welche Sektoren betroffen sind und welchen Rang diese innerhalb des Wirtschaftsgefüges einnehmen.

 

—-> Preissteigerungen lassen sich in der Regel in einem gewissen Umfang auf den Märkten  durchdrücken. Das gilt für den Arbeitsmarkt als auch für das weiterreichen höherer Preise an Endkunden. Das IMK stellt in manchen Bereichen höhere Preise fest, in anderen nicht. Zugenommen haben Preise im Taxigewerbe (+12%) sowie bei Obst/Gemüse und Gaststätten – also klassischen Mindestlohn-Bereichen.

 We exclude companies with less than 10 employees. We focus on market sector companies in the non-agriculture and non-financial industries. Businesses in „non-market“ service sectors such as education, health and social work are excluded. This is because inputs and outputs are thought not to be directly comparable in these sectors, making productivity analysis difficult to undertake.

—-> Es wird auch angenommendas der Mindestlohn die Produktivität steigert. Dies wird mehr oder minder erst einmal theoretisch hergeleitet auf der gleichen Basis wie der Verlust der Arbeitsplätze. Denn wenn Arbeitskräfte teuerer werden wird – so die Theoretiker – durch mehr Technik kompensiert. Diesen Punkt halte ich nicht für haltbar. Die IMK erklärt das dies möglich wäre mit Verweis auf eine Studie aus 2009 für Grossbritannien welche versucht das zu belegen. Deren Qualität ist aber überaus fragwürdig. Wie man beim IMK und auch aus England weiss sind die klassischen und betroffenen Sektoren und Berufe häufig im schwer technisierbaren Dienstleistungsbereich zu suchen und in der Landwirtschaft. Dazu zählen Landwirte, Pflegeberufe, Friseure, Taxifahrer und der Bereich Hotellerie/Gaststätten, Wachdienste. Ausserdem – lt IMK – finden sich Mindestlohn-Empfänger in 40% der Betriebe unter 5 Angestellten sowie in 30% der Betriebe zwischen 5 und 10 Angestellten, während in den Bereichen über 10 Angestellten die Quoten zwischen 8% und 20% liegen. In der kritisierten UK-Studie wurden schon einmal nur die Betriebsgrössen unter 10 Angestellten ausgesondert und zusätzlich noch alle Pflege-/Erziehungsberufe, alle landwirtschaftlichen Bereiche und weitere Dienstleistungen welche nicht separat aufgezählt werden. De facto wurden so alle Bereiche vom Landwirt über Heimpflege bis zum durchschnittlichen Taxiunternehmen wegen deren „unbewertbaren Outputs“ und der minderen Größe der Betriebe ausgesondert. Dann kann man sich eine derartige Studie auch sparen. Vom Volumen aus gesehen hat man aller Voraussicht nach >70% aller Betriebe ausgesondert und explizit alle Bereiche welche sich in der Produktivität nicht steigern lässt. Die Aussagekraft ist daher äusserst begrenzt oder liegt bei null. Das IMK kann eine entsprechende Wirkung für Deutschland im übrigen nicht feststellen.

„Auffällig ist, dass nach Einführung des Mindestlohns gerade in den sogenannten Niedriglohnbranchen die geringfügige Nebenbeschäftigung durch diese Zeitbegrenzung nicht zurückgegangen ist, sondern sich sogar erhöht hat. (IAQ 2016)“

—-> In den Bereich der Produktivitätsmessung fällt auch das mit den fehlerhaften Aufzeichnungen und anderen Umgehungsstrategien. Je marktferner Regelungen und Gesetze sind, desto restriktiver muss aufgezeichnet und engmaschiger müssen Kontrollen durchgeführt werden. Das sieht man u.a. auch bei Regelungen wie dem offenen WLAN oder/und dem Urheberrecht oder den Sozialleistungen und Subventionen [Missbrauch]. Es ist einfach am Staat vorbei zu arbeiten wenn sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber einig sind. Es ist eine andere Form von „Schwarzarbeit“.

—-> Es ist bekannt, das nach Einführung eines Mindestlohnes viele Firmen darauf reagieren indem sie eine Art „Einheitslohn“ damit verbinden. Das geht weg von der Individualisierung und bereitet daher den Ökonomen (nicht als einzigen Punkt) etwas Schwierigkeiten beim erstellen eines passenden Modelles.

„Diese Konstellation verhindert einen Ausbruch aus dem „gläsernen Gefängnis“ der Minijobs, obgleich der Übergang in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis arbeitsmarkt- und sozialpolitisch erwünscht und für die Beschäftigten in längerfristiger Sicht vorteilhaft wäre. (IAQ2016)“

—-> Dieser Satz steht im IAQ-Bericht. Als Inhalt bleibt, das Minijobs ohne Arbeitnehmerbeiträge in die Sozialversicherung (speziell die Rentenkasse ist dabei gemeint) unerwünscht sind – und das damit als ausgelobtes Ziel des Mindestlohnes… und nicht etwa der entsprechende Nettolohn oder der Arbeitsplatz des Arbeitnehmers. Die Behauptung das es „in längerfristiger Sicht“ dem Arbeitnehmer nütze wenn er weniger Netto hat dadurch ist offenbar auf die Rente gemünzt. Das kann man objektiv gesehen jedoch vernachlässigen auch ohne das ich darauf näher eingehen muss denke ich.  Das ist ganz schön unschön.

—-> Man könnte ja als sicher annehmen das die Anzahl der Aufstocker schlagartig zurückgegangen wäre. Angaben darüber finden sich in obigen Berichten im übrigen nicht. Die Zahlen dazu habe ich mir hervorgeholt – so sieht es aus:

Clipboard01

Einen Rückgang der Anzahl der Aufstocker kann man schwerlich feststellen.

Auch bei den Lohnhöhen der Aufstocker ist nichts zu erkennen:

AufstockerLohn-2016

Wenn sich an diesen Zahlen nichts bewegt, dann sind die Auszahlungen ziemlich sicher ebenso in voller Höhe geblieben. Somit ist nicht von Einsparungen oder Veränderungen bei den Aufstockern auszugehen. Nicht das ich viel Veränderung erwartet hätte, aber das ist noch weniger als man denken könnte. Es zeigt wie an der Realität vorbei-Theoretisiert wurde.

—-> Man könnte nun denken das es durch die Sonderregel in Deutschland für Langzeitarbeitlosen zu tun hat welche 6 Monate lang keinen Mindestlohn-„Schutz“ erhalten. Hat es aber nicht, es wurden nur 2000 Ausnahme-Anträge gestellt. Auch hier hat die Theorie nichts mit der Realität gemeinsam.

weitere Schlussfolgerungen

===> Zu vorstehenden Punkten lassen sich m.E. weitere potentielle Schlussfolgerungen ableiten. Zum einen führt ein Mindestlohn anscheinend nicht zu mehr Nachfrage. Weder ist der Durchschnittsverdienst höher noch sinkt die Einkommensspreizung insgesamt. Der Lohn wird lediglich innerhalb der untersten Einkommen/Löhne neu verteilt. Die Nachfragewirkung ist damit nicht positiv – und ggfs. auch nicht negativ, womit Erklärungen das der Mindestlohn nicht zu Nachfrageeffekten geführt hätte wie u.a. im letzten WSI-Mindestlohnbericht 2/2016 sich durch Irrelevanz erledigen. Sie behaupten implizit eine Wirkung welche nicht existiert und deswegen auch nicht festgestellt werden kann. Das das IAQ in seiner Stellungnahme gar die gewachsene Nachfrage und den positiven Verlauf des Arbeitsmarktes in Deutschland auf den Mindestlohn zurückführt und das ohne jede nähere Begründung ist bemerkenswert aber im Zuge der Studienqualitäten bei diesem Thema nicht weiter verwunderlich. One more.

Es ist meiner Ansicht nach vom logischen Standpunkt aus davon auszugehen das „gemessene“ Produktivitätssteigerungen zum einen von einem Report-Problem rühren (Umgehungsstrategien) und zum anderen von Messungenauigkeiten. Meist sind es wie bei dem „Verlust von Arbeitsplätzen“ (wie zuvor ausgeführt) Theorien von Ökonomen welche zu den Schlussfolgerungen geführt haben. Die Auswertung der Empirie hinkt gewaltig hinterher. Es ist auch schwer einsehbar wie ein Taxifahrer oder eine Bedienung oder ein Friseur wesentlich produktiver gearbeitet haben soll. Das dies für Deutschland nicht feststellbar war/ist, zumal bei den Stunden auch u.U. geschummelt wurde verwundert wenig. Es wäre so oder so nur ein einmaliger Effekt.

Eine Forderung nach mehr Kontrollen und härteren Regeln ist folgerichtig. Wer gängige Praxis kennt weiss jedoch das auch diese ins Leere laufen werden bis man „Vollkontrolle“ auffährt. In Frankreich ist das aller Voraussicht nach auch nicht anders – darf dort doch offiziell keine Stunde mehr als 35h gearbeitet werden wg. dem SMIC…. zu welchem noch seit 2015 gilt, das dort keine Sozialabgaben für den Arbeitgeber(!) anfallen. Ein kontraproduktives Pseudo-Kombilohn-Modell dort… ideal für ein generieren unbezahlter Stunden.

 

 

ceterum censeo:

Der Mindestlohn beseitigt systemische Verteilungsineffizienz nicht. Dies muss man anders lösen z.B. mit Mitteln welche ich hier schon vorgerstellt habe. Und wenn man schon dies nicht bewerkstelligen kann dann müsste man wenigstens einen Netto-Mindestlohn ausloben und keinen auf der Brutto-Ebene.

Für Deutschland liegen keine belastbaren Zahlen vor ausserhalb dessen das keine negativen Arbeitsmarkteffekte auffindbar sind und die Preise in manchen Branchen angezogen haben. Und, das die Aufstocker in unveränderter Anzahl vorhanden sind. Arm trotz Arbeit beim Prototyp  „Aufstocker“ schlägt nicht auf die Kur Mindestlohn an.

Hätte man einmal auf mich gehört – denn es gibt wirklich besseres.

 

Mindestlohn heute und morgen: Folgeschritte der Regierung auf Raten mancher Institute und der Gewerkschaften in falsche Richtungen sind als sicher anzusehen. Man lernt nichts. Überhaupt nichts – weder Ökonomen noch Regierungen.

 

Comments
One Response to “Der Mindestlohn in Deutschland – Effekt und Zwischenbilanz”
Trackbacks
Check out what others are saying...
  1. […] geholfen. Auch Euer aufwerten der Arbeit nicht, weder in England noch in Frankreich – gleich welcher Mindestlohn gilt. Die Einkommens-Spreizung geht immer weiter – irritierender Weise. Die Ökonomen unter […]



Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: