Das Grundeinkommen, #BGE, #UBI, die öffentliche Diskussion am Thema vorbei

Es läuft alles am Kern vorbei. Was kann und konnte man aktuell im Vorlauf zur Abstimmung heute in der Schweiz nicht alles lesen zum Themenfeld des Grundeinkommens. Vom Journalisten bis hin zum Pfarrer im SWR3-Radio gestern. Heute einen beispielhaften von Technik-affinen welche erklären das mit den ganzen Robotern nichts anderes übrig bleiben würde. Den Artikel in der FAZ klicke ich schon gar nicht an. Mich graut es davor.

 

Weshalb? Bin ich unsozial und blind? Ich hoffe doch, das nicht. Langjährige Blogleser wissen dies. Weshalb also sträube ich mich? Es gibt ein paar grundsätzliche Überlegungen welche man abseits aller Polemik und Oberflächlichkeiten (also dem was pro/contra in der Öffentlichkeit steht) einfach in Rechnung stellen muss.

 

1.)

Die Demographie hat verschiedene Folgen welche man sehr schwach bereits in Japan sehen kann. Für Deutschland kann man (ohne ein BGE) erwarten das sich das Verhältnis von arbeitenden zu nicht arbeitenden von den derzeitigen 44mio zu 82mio (54%) auf 34mio/75mio (45%) verändert bis in etwa 30 Jahren. Das sind 20% weniger Arbeitskräfte als heute.

a) Das muss man erst einmal über Produktivitätszuwachs kompensieren, und zwar dort wo dies möglich ist (also nicht überall). Sieht man sich die Produktivitätszuwächse der Industrieländer an, so wird auffallen das die Zuwächse in größeren Zeitabschnitten prozentual immer geringer ausfallen. Dies ist auch dem Wechsel zu Dienstleistungen u.a. in den Gesundheitssektor geschuldet wo im Vergleich zu 1960 anstelle von 3% nun 12% aller Beschäftigten arbeiten. Der Zuwachs an Produktivität lag zw. 1991 und 2011 bei +1,5% pro Jahr. Dieser Zeitraum fällt voll in das Computerzeitalter welches sich nicht gerade durch geringe Veränderungen auszeichnet.

Arbeitsproduktivität D-2014

b) Diese geringere Anzahl von Arbeitskräften bedeutet per Saldo auch, das die Steuer- und Abgabenquote steigen muss. Das ist zwingend. Man mag hin- und herschieben und auf indirekte Steuern verlagern. Das erhöht jedoch lediglich die Redundanz und Ineffizienz. Der Effekt als solches wird dadurch nicht verändert. Ohne es exakt auszurechnen kann man davon ausgehen das später (ohne BGE wie gesagt) Steuersätze von 60% erreicht werden. Ob jemand vorgestriges mit Philips-Kurven wedelt oder Anreiz-Vorbehalte hat oder nicht spielt keine Rolle und ist der steigenden Gesundheit in der Bevölkerung zum Glück recht gleichgültig. Das gilt auch für pseudo-übermorgige welche der Ansicht sind das es halt immer so weiter geht wie unter Baby-Boomern.

c) Der Standpunkt das jede Lebensarbeitszeit unter Bedingungen eines BGE gleich hoch sein wird ist utopisch und diesen nimmt (meistens) auch niemand der pro-Seite ein. Explizit wird dort bei der pro-Argumentation damit geworben das man Arbeitsbeginn, Pausen, Arbeitsende individuell verlagern, verlängern und damit verringern kann. Eine Abnahme ist anhand der Studien auch eindeutig ablesbar.

Nimmt man als Startpunkt (heute) einen mittleren Wert von 15% an kann man sich die Folgen auf Basis der vorher genannten Punkte ausrechnen. Die Arbeitsleistung sinkt von 34mio/75mio auf 29mio/75mio ab, was einen vorverlagerten und um 10% höheren Produktivitätssteigerungs-Druck bewirkt. Die Wirkung auf die notwendige Abgabenlast ist entsprechend und addiert sich spiralförmig auf. Zum einen arbeiten weniger Personen, zum nächsten erhalten diese ein BGE, d.h. sie müssen für sich selbst jeweils auch noch ihr eigenes Grundeinkommen zuerst einmal an den Staat abliefern. Und zum Dritten führt die daraus folgende Steigerung der Abgaben auf Werte um 80% zu geringeren Arbeitsanreizen. Wem diese 80% zu hoch erscheinen mag eigene Berechnungen anstellen.

 

2)

Steigende Produktivität verlangt Investitionen, Arbeitskräfte und einen funktionierenden Wirtschaftskreislauf. Ein Blogbeitrag zu einer aktuell geführten Diskussion über Konjunkturzyklen mit Andre Kühnelenz (Wirtschaftsblatt) und Gerald Braunberger (FAZ) harrt noch der Ausarbeitung. Man kann jedoch unter dem Strich davon ausgehen das dies kein Selbstläufer ist. Entsprechende Grafiken und kleine Ausführungen dazu kann man in einem alten Blogbeitrag im „Herdentrieb“ der Zeit nachlesen.

Vor allem aus zwei Gründen kam es in den USA zu diesem Rückgang: Je kapitalreicher ein Land ist, desto geringer fällt der Zuwachs an Output bei einem zusätzlichen Einsatz von Sachkapital und Software aus. Es handelt sich hier um das „Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag des Kapitals“. Ein fiktives Beispiel: Die erste Autobahn von Boston nach Washington ermöglicht durch Mauteinnahmen eine Verzinsung des eingesetzten Kapitals von, sagen wir, 30 Prozent, die zweite dann nur noch einen von 10 Prozent. Der erste Traktor löst auf den Feldern eine Revolution aus, der zweite verwaltet sie. You know what I mean.

Grund Nummer zwei ist der Rückgang der volkswirtschaftlichen Investitionsquote: Wenn die Ertragserwartungen sinken – weil schon so viel an Kapital vorhanden ist, wird weniger investiert.

 

Und weiter – diesmal anhand meines zuvor genannten Gedankenganges:

Wenn der Anteil der Alten an der Bevölkerung so stetig steigt wie bei uns, kann die Last, die die Jüngeren für die Nicht-Aktiven zu schultern haben, allein durch einen rascheren Fortschritt bei der Effizienz der Arbeit abgemildert werden, und das erfordert mehr Aufwendungen für Kapitalgüter. Es geht leider in die entgegengesetzte Richtung.

 

Jein. Ja es geht in die entgegengesetzte Richtung. Das hat jedoch zum Teil mit dem davor zu tun: es ist aufwendig den aktuellen hohen Standard zu halten. Das frisst einen Teil auf – sowohl monetär als auch was „gebildetes“ Arbeitskräfteangebot angeht. Es geht hierbei also um die Grundlast an Arbeit welche umso höher ist, je höher der Stand an bereits erreichter Produktivität ist. Diese Grundauslastung wächst zusehends. Nur die Kräfte welche darüber hinaus gehen und eingesetzt werden können auch für weitere Produktivitätszuwächse, z.B. „Roboterisierung“, sorgen.

Argumentationen das man Produktivitätssteigerungen nicht bräuchte laufen damit diametral gegenläufig zu den Anforderungen der Demographie welcher man sich weltweit gegenüber sieht – bereits ohne ein BGE. Wir werden uns alle anstrengen müssen um den Stand zu halten den wir einmal haben werden. Die Zustände in heutiger Zeit sind noch ideal, etwa noch 15 Jahre lang. Ab dann wird es eng um mit geringem Arbeitsangebot passender Bürger im erforderlichen Qualifikationskanal den dann geltenden Technisierungs-Stand zu erhalten. Erst einmal bis dorthin zu kommen, was die o.g. „Techies“ sich vorstellen, ist ein Kraftakt. Ohne Grundeinkommen wohlgemerkt.

 

3)

Das ist also alles gar nicht so ohne. Und dann erhält man von Befürwortern Grafiken vorgesetzt welche Beispiele dafür enthalten sollen woher „das Geld“ dafür kommen soll. Aus „linken“ Richtungen wie Böckler und DGB des öfteren, festgemacht an neuralgischen Punkten wie dem Höchststand der Lohnquote im Jahre 2000 oder gar mit Nettolöhnen, z.B. dem „DGB-Verteilungsbericht 2011„. Bei Nettolöhnen in Relation zu Volkseinkommen und Unternehmens/Vermögenseinkünften beispielsweise fällt schon einmal der Demographie-Aspekt völlig heraus, wird komplett ausgeblendet. Dabei ist eben gerade der Abzug der SV und die Steuer als Teil der Rente ebenfalls der Faktor der Gesellschaft welcher immer stärker werden wird. Konjunktur, Produktivität, Beschäftigung – spielt alles keine Rolle, findet nicht statt und wird damit letztlich alles für Gegeben erklärt.

Pfarrer erklären das jeder ein Einkommen haben soll. Gut – da bin ich dafür und sofort dabei, habe sogar ein Modell dafür entworfen. Gebt doch jedem der keinen Arbeitsplatz hat sein Einkommen ohne Prüfung. Das jeder eine Mindestrente erhält ist auch höchstnotwendig und das dies nicht automatisch geschieht ist mehr als peinlich für eine Gesellschaft. Und die Beschäftigten könnten auch viel mehr netto erhalten – wenn man effizienter verteilen würde.

Aber einmal einfach einmal als eines der Dinge welche mir persönlich durch den Kopf gehen wenn ich mich mit der Materie befasse – auch schon einmal im Vorgriff auf die kommenden Blogbeiträge zu Konjunktur, Vermögen, Investitionen und Co. (die großen Räder) hier meine kleine „Kontra-Grafik“ zu DGB und Co. :

Arbeitnehmerentgelt vs Arbeitslosenquote

 

 

Ob Korrelation oder Kausalität oder rein zufällig – irrelevant für die Betrachtung hier. Es gibt keine unabhängigen Selbstläufer in der Ökonomie. Alles hängt mit allem zusammen – und alles hat Wirkung. Darum geht es.

Ich habe für die oberflächliche Diskussion ob denn „keiner mehr Arbeiten würde“ vs. „später machen Roboter alles“ kein großes Verständnis. Die Mrd-Löcher in heutigen Haushalten mit Finanzierungsfragen sind auch nur Nebenschauplätze. Wirtschaft und Gesellschaft sind keine Perpetuum-Mobile. Wir benötigen später zunehmend Verteilungs-Effizienz. Wenn wir nicht viel mehr Effizienz erreichen werden wir einen veritablen Verteilungs-Krieg erhalten. Und die Effizienz wird sich durch den Steuer-/Abgabensatz der immer weniger werdenden Beschäftigten auszeichnen und nicht dadurch ob man nun 4 Mrd EUR bei der ARGE einspart [das sind deren Kosten].

 

Das BGE macht mir keine Angst. Das Niveau bei der Diskussion darum jedoch sehr wohl – auf allen Seiten wohlgemerkt. Es zeigt wie wenig Problembewusstsein besteht. Da ist nichts mit „vorwärts“ und „progressiv“. Nur weil man erklärt das man in 10 Jahren bei McDonald den Cheesburger per Knopfdruck ausgespuckt aus dem Automaten erhält ist man noch lange nicht „vorn“.

 

Rant – Ende.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: